Page 24 - CADMOS Vorschau Fruehjahr 2019
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   EINE ERFOLGSGESCHICHTE
VON SOLIDARITÄT UND
   VORWORT
Die Lagerhäuser feiern im Jahr 2018, in dem das Buch erstmals erscheint, bereits ihren 120. Geburtstag, die RWA Raiffeisen Ware Austria als Dachunternehmen der Lager- häuser ihr 25. Jubiläum. Darüber hinaus wäre der Ideen- und Namensgeber unseres Genossenschaftsverbundes 200 Jahre alt geworden. Das haben wir zum Anlass genommen, die Geschichte des Raiffeisen Warenverbunds aufarbeiten zu lassen und damit für die nachfolgenden Generationen festzuhalten.
Die Geschichte der Lagerhäuser und der RWA ist über die Jahrzehnte hinweg eine Erfolgsgeschichte. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Anfangsjahre in beiden Fällen keine einfachen waren und von vielen Tiefen geprägt waren. Dass sich die Lagerhäuser dennoch zu starken, erfolgreichen Unternehmen entwickelten, die heute zusätzlich die RWA Raiffeisen Ware Austria als starken Partner haben, ist ver- schiedenen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, der stetigen Bereitschaft zu Wandel und Innovation und nicht zuletzt dem engagierten Einsatz vieler Men- schen zu verdanken.
Welche Pionierarbeit Friedrich Wilhelm Raiffeisen geleistet hat, wie darauf basierend die Lagerhäuser entstanden, einen starken Verbund auf Basis von Landesverbänden und schließlich die RWA als Gemeinschaftsunternehmen gegründet haben, die heute mit der BayWa in ein internationales Netzwerk eingebunden ist, skizzieren im vorlie- genden Werk die Historiker Peter Berger und Andreas Resch.
Es soll zeigen, was das Genossenschaftswesen basierend auf den grundlegenden Werten der Solidarität und des Zusammenhalts zu leisten imstande ist.
In diesem Sinne ist die Geschichte des Raiffeisen Warenverbunds kein bloßer Rück- blick auf die Entwicklung von Unternehmen, sondern von Institutionen, die starke Partner für Österreichs Landwirte und wichtige Impulsgeber für die heimische Agrar- wirtschaft sind. Einst, jetzt sowie in Zukunft.
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ÖR DI Dr. Johann Lang
Vorsitzender des Aufsichtsrates RWA Raiffeisen Ware Austria AG
GenDir. DI Reinhard Wolf
Vorstandsvorsitzender RWA Raiffeisen Ware Austria AG
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        (oder beides) gewesen. Eine ältere Studie über österreichische Genossenschaften von Hans Georg Ruppe geht mit der Behauptung, die Beseitigung der Kriegsfolgen für die Landwirt- schaft sei nach 1945 viel leichter gefallen als nach 1918, weil es bloß um eine Rückkehr zu den Zuständen vor 1938 gegangen sei, noch einen Schritt weiter.[74] Und nicht einmal diese Rück- kehr schien vollständig: Wesentliche Teile des reichsdeutschen Kriegsbewirtschaftungssys- tems für die Landwirtschaft blieben 1945 und darüber hinaus weiter aufrecht, „aus Gründen der Versorgungssicherheit vor allem für die Stadt Wien“.[75]
Überwindung der Not, Wiederaufbau – wann ist diese erste Phase der Nachkriegsge- schichte des heimischen Agrarsektors zu Ende gegangen? Vieles spricht für das Jahr 1948, das erste seit dem Ende der Kampfhandlungen mit einer guten Ernte, die den Schlusspunkt hinter „drückendste Ernährungssorgen“ zu setzen versprach.[76] In der Literatur häufiger genannt werden die Jahre 1950 und insbesondere 1953, weil da erstmals das mengenmäßige Niveau des agrarischen Outputs von 1937 übertroffen wurde. Kurz zuvor, 1952, war die für essenzielle österreichische Importe (darunter Nahrungsmittel, landwirtschaftliche Betriebs- mittel und Kohle) lange Zeit unerlässliche direkte Marshallplanhilfe der USA ausgelaufen.[77]
170 Arbeitsproduktivität 160 Landproduktivität 150 Produktionsvolumen 140
Doch wo immer man den Abschluss der Wiederaufbauphase verortet, Tatsache ist der im Rückblick erstaunliche Übergang zum anhaltenden, selbsttragenden Wirtschafts- wachstum in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre. Dieser zweite, große „Take-off“ – um einen Begriff zu benutzen, den der konservative US-Ökonom W. W. Rostow ursprünglich für die industrielle Revolution um 1800 prägte[78] – gab den sich formierenden westlichen sozialen Marktwirtschaften ein solides ökonomisches Fundament. Es sollte beinahe dreißig „glorreiche“ Jahre tragfähig bleiben, les trente glorieuses, wie sie im Französischen heißen. Dementsprechend grenzt auch eine große Mehrheit der österreichischen Wirt- schafts- und Agrarhistoriker die fast krisenfreien „Wirtschaftswunderjahre“ von dem ab, was später kommen sollte: eine Epoche „neuer Herausforderungen“.[79] Je nachdem, ob man bei der Verortung der großen Zäsur stärker auf Politik oder Wirtschaft fokussiert, wird man entweder den Wechsel von konservativer zu sozialdemokratischer Themenfüh- rerschaft betonen (wofür in Österreich die Ablöse der „schwarzen“ Regierung Klaus durch das erste Kabinett Kreisky anno 1970 steht) oder den ersten von zwei Ölpreisschocks, aus- gelöst durch von der OPEC verhängte Lieferboykotte gegen jene Staaten, die, tatsächlich oder vermeintlich, Israel im Yom-Kippur-Krieg von 1973 unterstützt hatten. Für Öster- reichs Agrarier und für den Raiffeisensektor waren Veränderungen auf politischer und ökonomischer Ebene gleichermaßen bedeutsam. Der klassischen Trias von Landwirt- schaftskammern, Bauernbund und ländlichen Genossenschaften, traditionell in der „schwarzen“ Reichshälfte verankert, kam 1970 der bisher stets von der ÖVP gestellte Landwirtschaftsminister als wohlgesinnter Gegenpart abhanden. Die Auswirkungen öko- nomischer Faktoren wie der Ölkrise, aber auch der fortschreitenden europäischen Wirt- schaftsintegration, durch die österreichische Agrarprodukte auf dem EG-Markt vorerst benachteiligt wurden,[80] sind schwerer in einem Satz zu beschreiben. Fraglos hatten sie zumindest indirekt, indem die Inflation anzog und der budgetäre Spielraum der öffentli- chen Hand schrumpfte, Folgen für die Finanzierbarkeit einer auf Marktordnungsgesetzen und systematischer Staatsintervention beruhenden Agrarpolitik. Manchmal wird auch der Umstand, dass Österreichs Antwort auf die globale Rezession der 1970er-Jahre, der soge- nannte „Austrokeynesianismus“, insgesamt eher strukturkonservierend wirkte, anstatt neue Weichenstellungen zu begünstigen, für den Reformstau nicht nur bei der verstaat- lichten Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft verantwortlich gemacht.[81]
In den letzten Jahren der Zeitspanne, die in diesem Kapitel behandelt wird, ließ sich die Dringlichkeit eines Abschieds vom „business as usual“ nicht länger ignorieren. Nicht nur in Österreich, in ganz Europa konnten Lippenbekenntnisse zur Erhaltung eines gesunden
Die Strukturen des österreichischen Raiffeisensektors, wie er heute besteht, gehen zu einem erheblichen Teil auf Gründungen in den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Zuerst entstand bereits vor 1914 ein dichtes Netzwerk von Raiffeisen- kassen, in der Zwischenkriegszeit vermochten dann auch die Bereiche Ware und Verwer- tung (insbesondere Milch) stark aufzuholen.
DIE AUFBAUARBEIT
VON FRIEDRICH WILHELM RAIFFEISEN
ALS VORBILD FÜR DIE ÖSTERREICHISCHEN RAIFFEISENORGANISATIONEN
Als in Österreich in den 1880er-Jahren die ersten Raiffeisenorganisationen gegründet wurden, konnte man bereits auf vielfältige Erfahrungen in Deutschland zurückblicken. Der Rheinländer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) hatte, nachdem er aus einer Militärkarriere wegen eines Augenleidens ausgeschieden war, in der preußischen Verwal- t m u e n i g n d g e e n a r i b m e i h t e e t u . t Ai g b e n 1 8 d 4 e 5 u t ws c i h r k e n t e B e u r n a d l e s s B l a ü n r d g e R r h m e e i n i s l t a e n r d i - n P f v a e l z r s , c w h o i e b d e e i n e e r n i m Wm e e s r t e w r wi e a d l e d r - Gm e i - t den sozialen Nöten der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung konfrontiert wurde. Als 1846 eine Missernte zu akuter Nahrungsmittelknappheit führte, gründete er seine erste wohltätige Organisation, den „Weyerbuscher Brotverein“. Raiffeisens Engagement in christlicher Nächstenliebe war stark in seinem protestantischen Glauben verwurzelt. Bald erkannte der Sozialreformer, dass nicht karitative Almosen, sondern vor allem Hilfen zur Selbsthilfe zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lage in Not Geratener beitragen konnten. In diesem Sinne entwickelte er ein System von genossenschaftlichen, nicht gewinnorientierten Organisationen für gegenseitige Hilfe. Nach diesem Muster ent- standen vorerst Kreditgenossenschaften. Die Organisationen wurden ehrenamtlich ver- waltet und die Mitglieder übernahmen eine unbeschränkte Haftung. Im Gegensatz zu den Genossenschaften nach dem System Schulze-Delitzsch setzte Raiffeisen durchaus auch auf administrative und finanzielle Hilfe vonseiten des Staates.
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       1320 110 100
    980 70 60 50
tete mit ihr den Übergang von der preisbezogenen Produktförderung zur individuellen Förderung der Produzenten ein. Dazu gehörte die Zahlung von Flä- chenstilllegungsprämien und Pensionszuschüssen an Landwirte, die vorzeitig in Rente gingen, ebenso
    Abbildung 1: Agrarische Produktions- und Produktivitätsentwicklung in Österreich von 1930–1960
Quelle: Langthaler, Beschleunigte Modernisierung, 221
[74] Hans Georg Ruppe, Das Genossenschaftswesen in Österreich, Frankfurt a. M. 1970, 34.
[75] Wolfgang Werner, Auf der Straße des Erfolges. Zur Geschichte der österreichischen Raiffeisenbewegung von kleinen Ortsgenossenschaften zu international tätigen Netzwerken, München-Mering 2005, 137.
[76] Ernst Bruckmüller und Josef Redl, Land der Äcker. Landwirtschaft in Niederösterreich 1918–2008, in: Peter Melichar, Ernst Langthaler, Stefan Eminger (Hg.), Niederösterreich im 20. Jahrhundert, Band 2: Wirtschaft, Wien 2008, 198; Johann Brazda, Robert Schediwy, Die Rolle der Genossenschaften in Niederösterreich 1914–1995, in: ebenda, 287 f.
[77] Hans Seidel, Österreichs Wirtschaft und Wirtschaftspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, Wien 2005, 305.
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wnaihemdeine. VSoerwgeüitunogchlagnadrsacnhtaiefrtstepflÜebgernisachmerepMreaisße-
für Getreide und Fleisch bestanden, reduzierte man
sie um 35 bzw. 15 Prozent. Österreich würde im Falle,
dass das EG-Beitrittsgesuch der Bundesregierung
von 1987 Erfolg hatte und das Wahlvolk den Beitritt
guthieß, nicht nur ähnliche Preisanpassungen nach-
vollziehen, sondern auch seine Subventionspolitik
ändern müssen. Das würde, so die Prognose, Österreichs Landwirte ein Fünftel ihres gesamten Ertrags (von 1991) kosten.[182] Sorge bereiteten auch topografische und strukturbe- dingte Handicaps der heimischen Landwirtschaft. Der Anteil der Höfe in gebirgigen Lagen war hierzulande weitaus gewichtiger als im EG-Durchschnitt, er lag über 50 PrRozent.ARund ein Drittel aller bäuerlichen Betriebe bewirtschaftete 1990 Flächen von 5 Hektar oder weni-
ger. Setzte man diese Betriebe dem Wettbewerb im grenzenlosen EG-Binnenmarkt aus,
Ein EG-Beitritt würde, so die Prognose, Österreichs Landwirte ein Fünftel ihres gesamten Ertrags kosten.
   [78] Walt W. Rostow, The Stages of Economic Growth: A Non-Communist Manifesto, Cambridge 1960, 38.
[79] Brazda, Schediwy, Die Rolle der Genossenschaften, 294.
[80] Das Freihandelsabkommen zwischen Österreich, EG und Montanunion von 1972, in Kraft ab 1977, betraf nur industrielle und gewerbliche Erzeugnisse. Fritz Breuss, Österreichs Wirtschaft und die europäische Integration 1945–1990, in: Michael Gehler, Rolf Steininger (Hg.), Österreich und die europäische Integration seit 1945, Wien 2014, 484.
[81] Brazda und Schediwy, Die Rolle der Genossenschaften, in: Melichar et al. (Hg.), Niederösterreich, 294.
ÖIFFEISEN IN
 Die Unterzeichnung des Vertrags von Porto zur Schaffung eines Wirtschaftsraums ohne Binnengrenzen ließ für Österreichs Landwirtschaft aufgrund des Ausschlusses ihrer Produkte vom Freihandel vorerst keine Veränderungen erwarten.
[183]
stand ihr Überleben auf dem Spiel und damit die ganze Besiedlung peripherer denen sie beheimatet waren.
Region
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dass Raiffeisenprodukte wie Pflanzenschutzmittel, Dünger, aber auch Landmaschinen unliebsame Konkurrenz bekamen. „Liebe zum Lagerhaus hört sich beim Geld auf“, titelten die „OÖ Nachrichten“ im August 1993[180] und befeuerten damit eine ohnehin schwelende Diskussion über genossenschaftliche Treuepflichten. Nicht nur Bauern kauften gern anderswo als bei ihrem Lagerhaus, wenn der Preis stimmte.[181] Auch die Lagerhäuser selbst nutzten immer wieder vorteilhafte Angebote des nicht genossenschaftlichen Handels.
Mehr noch als der Umschwung in Osteuropa kündigten bevorstehende Neuerungen im Kontext von EG und GATT das Heraufdämmern einer globalen Wirtschafts- und Handels- ordnung an, auf die es sich einzustellen galt. Die Unterzeichnung des Vertrags von Porto (1992) zwischen den damaligen EG- und EFTA-Staaten über die Schaffung eines Wirtschafts- raums ohne Binnengrenzen (EWR) ließ für Österreichs Landwirtschaft aufgrund des Aus- schlusses ihrer Produkte vom Freihandel vorerst keine Veränderungen erwarten. Der EWR trat am 1. Januar 1994 in Kraft. Anders verhielt es sich mit der Reform der GAP, der gemein- samen Agrarpolitik der EG, zu Beginn der 1990er-Jahre. Sie fand unter dem Namen des damaligen Agrarkommissars Ray MacSharry Eingang in die Geschichtsbücher. Die EG lei-
[180] Oberösterreichische Nachrichten, 17.8.1993.
[181] Bayern lockt mit Diskontpreisen, Raiffeisenzeitung, 3.4.1986, 6.
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aften
[182] Josef Tanzer, RWA vor europäischen Herausforderungen, in: Ökosoziales Forum Österreich, Wintertagung 1994: Herausforderung EU und GATT, Wien 1994, 46.
[183] Franz Sinabell, Entwicklungstendenzen der österreichischen Landwirtschaft seit dem EU-Beitritt, in: Ländlicher Raum, Printausgabe 6/2004, 1; Roman Sandgruber, Die Landwirtschaft in der Wirtschaft. Menschen, Maschinen, Märkte, in: Franz Ledermüller (Hg.), Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert. Band 1: Politik. Gesellschaft. Wirtschaft, Wien 2002, 300.
en, in
STERREICH BIS 1945
     Ähnlich argumentierten Beobachter, die um die noch relativ jungen Errungensch
der heimischen Landwirtschaft in puncto Ökologisierung und Extensivierung fürchteten. In der EG, so diese Stimmen, herrsche vorerst noch ein auf Förderung von Massenproduk- tion und Raubbau an der Natur ausgerichtetes agrarisches Zuschussregime vor. Käme dieses Regime, trotz aller gegenteiligen Bemühungen der letzten Zeit, quasi durch die Hin- tertür wieder nach Österreich zurück, stünde dem ländlichen Raum Schlimmes bevor. Last not least sahen EG-Zweifler aus den Reihen der Agrarier nachteilige Effekte eines Beitritts auf den, wie sie sagten, schwach aufgestellten h2e2imischen landwirtschaftlichen Verarbeitungssektor voraus, also Mühlen, Zuckerfabriken, Molkereien, Käsereien etc. Dort war man bisher weitgehend unter dem Schutz einer sozialpartnerschaftlich akkordierten staatlichen Marktordnungspolitik gestanden, der innerhalb des gemeinsamen Europa natürlich wegfallen würde, mit potenziell bedrohlichen Folgen für die bäuerlichen Zulie- ferer ebenso wie für den Genossenschaftssektor.[184]
      [184] Sinabell, Entwicklungstendenzen, 2.
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DEIN ZUHAUSE IST NICHT DORT,
WO DU DIE BÄUME KENNST,
SONDERN WO DIE BÄUME DICH KENNEN.
  undefinierten Produktqualitäten blieben die großen Märkte verschlossen. Ähnlich wie im Kreditgeschäft mussten sie für den Absatz die Dienste von Händlern in Anspruch nehmen, die die kostenintensiven und risikoreichen Funktionen des Aufkaufs kleiner Mengen und der Aufbereitung zu marktgängigen Quantitäten und Qualitäten übernahmen. Diese mussten in einer prekären Position zwischen kleinen Produzenten, die stark schwankende Qualitäten erzeugten, und volatilen Märkten für große Absatzmengen agieren, was pro- funde Kompetenz sowie erheblichen Kapitaleinsatz erforderte und mit hohen Risiken ver- bunden war.
Von den Bauern wurden die von den Händlern gewährten Verkaufspreise notorisch als zu gering empfunden, weswegen sie sich oft unfair behandelt fühlten. In diesen intranspa- renten Marktsituationen kam es aufgrund vielfältiger Informationsasymmetrien tatsächlich immer wieder zu Übervorteilungen. Gegebenenfalls informierten Händler die Erzeuger nicht korrekt bezüglich der Marktlage und Preissituation, oder Produzenten ließen die Qua- litäten ihrer Erzeugnisse besser erscheinen, als diese dann tatsächlich waren.
Derartige Erfahrung mit Marktprozessen im Warenbereich aus einer institutionell ungünstigen Position heraus wirkten als weitere Faktoren, die Ressentiments gegen Markt- wirtschaft und Kapitalismus, häufig begleitet von antisemitischen und antimodernen Affekten, förderten.
GENOSSENSCHAFTSGRÜNDUNGEN VON DEN 1880er -JAHREN BIS ZUM ERSTEN WELTKRIEG
Friedrich Wilhelm Raiffeisen teilte manche negativen Attitüden gegenüber Markt und Kapitalismus. Mit viel Gespür für praktische Erfordernisse hat er jedoch in Form der Raiff- eisenkassen und sonstigen Raiffeisengenossenschaften institutionelle Arrangements ent- wickelt, die nachhaltig dazu beitrugen, bäuerliche Betriebe und Markt besser und konst- ruktiver zusammenzuführen.
In Österreich bemühten sich seit den 1870er-Jahren Persönlichkeiten wie Gustav Marchet, Professor an der Hochschule für Bodenkultur, der niederösterreichische Landwirtschafts- wanderlehrer Nicolaus Feuser oder der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Dr. Josef Mitscha von Märheim um einen institutionellen Transfer der Raiffeisengenossen- schaften aus Deutschland. Mitscha von Märheim brachte im November 1885 im Nieder- österreichischen Landtag einen Antrag ein, Erhebungen über die Ursachen des zeitgenös- sisch wahrgenommenen Niedergangs der bäuerlichen Bevölkerung anzustellen und die Errichtung von ländlichen Spar- und Darlehenskassen zu unterstützen. Im Januar 1887
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Gründungsurkunde der Raiffeisenkasse in Neustift/Scheibbsbach – die erste Kasse, die nach den vom Niederösterreichischen Landtag 1885–1887 im Rahmen seiner „Raiffeisen-Initiative“ ausgearbeiteten Musterstatuten errichtet wurde.
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