Page 12 - Leseprobe "Niemals ohne Lippenstift"
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Zu unser aller Erstaunen und Freude zeigte sich das neueste Familienmitglied, ein schwedischer Staatsbürger mit Migrations- hintergrund, an unserer Familie durchaus interessiert. Und so kam es, dass ich in den nächsten 23 Jahren noch viel Gelegenheit haben sollte, die Tante Elfie mitsamt neu erworbenem Onkel etwas besser kennenzulernen.
Tante und Onkel pflegten viele Jahre lang den Sommer in der schwedischen Stuga (gesprochen: Stüga) am Bottnischen Meerbusen zu verbringen, im Winter entweder durch die Welt zu tingeln oder in der kleinen, kuscheligen Wiener Wohnung ganz gewöhnliches Eheleben mit Familienanschluss zu zelebrieren. Diese Zeit im Jahr gab reichlich Gelegenheit für regen Austausch, zum Beispiel beim Heurigen. Auch in jenen Jahren, als ich bereits eine junge Frau war, fand ich die Tante immer noch höchst interessant.
»Sag, wie hast du den Erich eigentlich kennengelernt?«, fragte ich sie bei einer solchen Gelegenheit.
»Nun, ich ging damals in den Stephansdom, um ein Kerzerl für unsere Verstorbenen anzuzünden. Und da stand dieses fesche Mannsbild neben mir und versuchte umständlich, sein angezündetes Kerzerl wieder hinzustellen. ›So a fesches Mannsbild!‹, hab ich mir gedacht, aber dermaßen patschert, dass ich mir Sorgen um den Steffl g’macht hab! Da hab ich ganz spontan seinen Arm genommen, seine Hemdmanschetten aus der Gefahrenzone gezogen und gesagt: ›Sie werden Feuer fangen!‹ Und was soll ich dir sagen? Er hat Feuer gefangen!«
Ja, mit Männern konnte sie schon immer, die Tante Elfie. Sehr wahrscheinlich ist das der Grund, warum sie immer und überall von Ehefrauen aller Altersklassen scheel beäugt wurde.
Als der Herr Onkel im Laufe der Jahre immer schwerhöriger wurde, gestaltete sich jede Unterhaltung und jedes Beisam- mensein als ausgesprochen anstrengend, und ich wünschte mir immer wieder einmal heimlich, etwas Zeit mit der Tante alleine verbringen zu können.
Vor einigen Jahren hat das Universum diesen meinen Wunsch erhört. Der Onkel verstarb vierundneunzigjährig, und ein wenig später ging auch mein Vater hinüber. Die Einzigen, die von
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