Page 11 - Leseprobe "Niemals ohne Lippenstift"
P. 11
Sicht auf die Tante meiner Kindheit zurückblicke, bin ich aller- dings versucht, den genannten bösen Zungen beizupflichten. Darüber hinaus erinnere ich mich, dass die Tante trotz Onkel Fritz – oder vielleicht gerade seinetwegen – immer wieder Männerbekanntschaften pflegte. Dass sie mit so manchem dieser Männer relativ gut bekannt war, verstand ich allerdings erst viele Jahre später. Ich begriff auch ein bisschen die Gehässigkeit meiner Urgroßmutter ihrer eigenen jüngsten Tochter gegenüber. ›Ausbund!‹, wurde die Tante genannt. Ausbund wovon? Es war mit Sicherheit nichts Gutes.
Das Verhältnis der Tante zu ihrer Mutter war ganz offensichtlich nie übermäßig herzlich. Wie wenig herzlich es tatsächlich war, wurde mir erst klar, als die Urgroßmutter verstarb und die Tante es vorzog, sich ihren Urlaub durch ein Begräbnis nicht vermiesen zu lassen. Jener Urlaub wurde nicht verschoben.
»Unser Elfie hot hoid kan Charakter!«, stellten die bösen Zungen diesmal etwas lauter fest. Andere hielten dagegen, dass sie sehr wohl Charakter hätte – aber halt keinen guten. Dies könnte sich in der Nacht- und Nebelaktion bestätigen, die die Tante ins- zenierte, um aus der damals noch ehelichen Wohnung mit Onkel Fritz auszuziehen.
In jenen Jahren noch berufstätig, heuerte sie ein paar Kollegen aus der Firma samt LKW an, die sie unterstützen sollten, ihre Habseligkeiten zusammenzuraffen und abzutransportieren. Die Planung musste generalstabsmäßig, das Timing perfekt sein, denn mit dem Fritzl wollte sie sich in dieser Situation nicht konfrontieren. Genau so zackig wie geplant lief diese spekta- kuläre Aktion auch ab. Man stelle sich Fritzens Gesicht vor, als er abends vom Büro heimkam und feststellen musste, dass ihm Weib mitsamt der Hälfte – oder möglicherweise etwas mehr als der Hälfte – vom Hausrat abhandengekommen, dafür die Scheidungspapiere hinterlassen worden waren. Wir haben die Reaktion des Onkels nie erfahren.
Familiengerüchten zufolge soll sich der Onkel Fritz noch eine Weile geziert haben, die Dokumente zu unterschreiben. Dass er irgendwann doch klein beigegeben hatte, bezeugte nun die neuerliche Eheschließung.
12

