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Scheurebe
feiert
Renaissance
„Es ist das Schicksal der Rebenzüchter, dass viele ihren Erfolg und die Verbreitung ihrer Sorten nicht mehr erleben, denn Rebenzüchtung ist keine Sache, die in fünf oder zehn Jahren über die Bühne geht, sondern das braucht Jahrzehnte“, bringt es Dr. agr. Otmar Bauer auf den Punkt. Er muss es wissen, denn er ist einer der Nachfolger als Chef der Landesanstalt für Rebenzüchtung in Alzey und war dort von 1972 bis 1997. Georg Scheu gründete die „Rebzuchtanstalt“ 1909 und leitete sie bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1947.
Unter Weinbaufachleuten gilt Georg Scheu bis heute als der erfolgreichste deutsche Rebenzüch- ter. Am 21. Juni 1876 in Krefeld geboren absolvierte er zunächst eine gärtnerische Ausbildung in Han- nover und wechselte von 1903 bis 1905 in die Lehr- und Forschungsanstalt Geisenheim. Seine ersten Begegnungen mit den Weinbergen im Rheingau waren für Scheu eine herbe Enttäuschung. „Als ich nach Geisenheim ging und zum ersten Male in den Weinbau hineinroch, war ich anfangs in zweifacher Weise enttäuscht. Erstens hatte ich mir die sagenumwobenen Weinberge des Rheines ganz anders vorgestellt, hatte von Laubengängen und Rebgirlanden geträumt und fand nun die Rebstöcke als armselige, zusammengeschnittene, kümmerliche Gebilde vor, und zweitens war ich durch die harten, sauren Rheingauer Weine sehr enttäuscht, denn ich hatte mir eingebildet, dort müsste alles Duft und Blume und volle Reife sein.“
Dass Georg Scheu in den 38 Jahren seines Wirkens in Alzey in erster Linie bei seinen Kreu- zungen aromenreiche Bukettsorten hervorbrachte, könnte durchaus auf seine frühen Erfahrungen mit den Rheingauer Weinen zurückzuführen sein. Seine Neuzüchtungen entstanden im Zeitraum zwischen 1916 und 1932. In dieser Zeit brach- te er durch Kreuzungsversuche die inzwischen anerkannten Rebsorten Scheurebe, Huxelrebe, Siegerrebe, Faber, Kanzler, Septimer, Würzer, Perle von Alzey und Regner hervor. Hier wird deutlich, was Dr. Otmar Bauer eingangs zum Schicksal der Rebenzüchter sagte: Georg Scheu hatte sich zu Lebzeiten zwar die Anerkennung seiner Kollegen und Winzer durch seine Neuzüchtungen erarbeitet, die of zielle Zulassung erfuhren die Rebsorten aber erst nach seinem Tod.
„Scheus Liebling“
Der größte Erfolg gelang Scheu 1916 mit der Züchtung des „Sämlings 88“, der vielen Jahre später erst seinen Namen erhielt. Noch heute wird in der Züchterheimat Scheus, in Rheinhessen, gerne auf die ersten Anläufe zur Namensgebung für den „Sämling 88“ schmunzelnd hingewiesen. Denn die Winzer hätten seine Neuzüchtung gerne auf den Namen „Scheus Liebling“ getauft, was die Rebe zweifelsfrei war. Das lehnte Georg Scheu vehement ab. Er kannte die Vorliebe der Rheinhessen, sich stets ungeschminkt ihres Dialektes zu bedienen. Und im rheinhessischen Sprachgebrauch spart man gerne die Endsilben der Wörter ein und aus „eu“ wird „ei“. Demzufolge fürchtete Scheu, dass aus seiner Rebe „Scheis Liebling“ wurde.
Scheus doppelter Irrtum
Beinahe wäre die Scheurebe sang- und klang- los untergegangen. Georg Scheu ging stets davon aus, dass seine später erfolgreichste Neuzüchtung aus einer Kreuzung von Riesling und Silvaner entstand. Spätere Untersuchungen mittels DNA-Technik ergaben, dass es sich um eine Kreuzung aus Riesling und Bukettraube handelt. Der zweite Irrtum Scheus hätte fast das Ende seiner Scheurebe bedeutet. Zwar war der Züchter stets von der Qualität, dem feinen Bukett und der kräftigen Säuere der Scheurebe überzeugt, dennoch waren die ersten Feldversu- che eine herbe Enttäuschung für ihn. Die Reben kümmerten dahin, brachten keine rechten Er- träge und auch nicht die von Scheu erwartete Aromenfülle. Deshalb ließ er einen großen Teil seiner Sämlinge vernichten, startete aber dann einen neuen Versuch mit dem Sämling 88. Denn zwischenzeitlich hatte der „Rebvater“ erkannt, dass es die damaligen Anbauformen waren, die seine „Lieblingskind“ verkümmern ließen: Enge Rebzeilen, ertragsschwache Böden und zu geringe P anzabstände der Rebstöcke un- tereinander hatten zu dem Misserfolg geführt. Also p anzte Scheu neue Versuchsanlagen auf besseren Böden, vergrößerte die Abstände der Reben untereinander und wählte großzügigere Zeilenabstände.
Apropos Zeilenabstände: Auch die heutigen Anbaumethoden gehen auf den großen Rebvater zurück. Denn zu Georg Scheus Wirkungszeiten waren überall in Deutschland noch die P anzwei- sen der „Stockwingerte“ gängige Anbaumethode. Georg Scheu verdanken wir die heute verbrei- tete Anbauform in Rebzeilen mit Spanndrähten. Sie waren die Grundlage für eine konsequente
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