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bestätigt. Untersucht man die Jahrgänge vor und nach der Crew 10, ist die Anzahl an Bewerbern – 372 auf 230 Stellen – ebenfalls repräsentativ, ebenso wie die Anzahl an Abgängen während der ersten vier Aus- bildungsjahre. Regelmäßigen Besuchern des Deutschen Marinemuseums wird auf- fallen, dass das Ausstellungsthema the- matisch der letzten Sonderausstellung zur Offizierausbildung auf der Gorch fock nahe liegt. Eines der ersten Objekte am großen Zeitstrahl, der die Rückwand der Ausstellung ziert, ist das Werk „Seekadet- tenbriefe“ von Crewmitglied Gerstberger. In diesem wird zunächst mit dem roman- tisierten Mythos der Segelschulschiff- ausbildung aufgeräumt, um die Vorteile der technischen Ausbildung an Bord von Schulkreuzern zu beleuchten. Die Mitglie- der der „Crew 10“ wurden auf vier Schul- kreuzer aufgeteilt, das Segeln wie auf der Gorch fock wurde als veraltet und unnö- tig angesehen.
Ungewöhnlich für das Haus treten in die- ser Sonderausstellung die Statistiken und Lebensläufe in den Vordergrund. Flan- kiert werden sie von knapp 50 Objekten. Besonders im Themenkomplex „Ausbil- dung“ werden viele Originale der Crew 1910 präsentiert: Eine Postkarte mit Weih- nachtsgrüßen während der Ausbildungs- fahrt auf SMS hErthA wurde besonders für die Ausstellung angeschafft. Andere Objekte hingegen sind Leihgaben, u.a. eine Originalschießscheibe, auf die die Crew 1910 zu Ausbildungsbeginn schoss und das bereits genannte Ehrenbuch. Zudem freut sich das Museum, einige Schenkungen, beispielsweise das Log- buch von Crewmitglied Albrecht Schmidt, erhalten zu haben.
Doch obwohl die Ausbildungszeit prä- gender Teil der Crewgemeinschaft wird, ist sie nur ein Bestandteil der Erleb- nisse dieser Gemeinschaft. Die Ausstel- lung nimmt Interaktionen im Crewge- füge ebenfalls in den Blick: Während die „Crew“ in der Marine heute oft als Erin- nerungsgemeinschaft mit Freundschaf- ten fürs Leben wahrgenommen wird, ist diese Gemeinschaft in der Kaiserzeit durchaus kritisch zu sehen. Wie die Rang-
Blick auf die Ausbil- dungszeit auf Schul- schiffen und an der Marineschule
Das Marinemusikkorps Wilhelmshaven umrahmt die Ausstellungseröffnung
listen verdeutlichen, standen Mitglieder eines Ausbildungsjahrgangs permanent in Konkurrenz zueinander. Jedes Jahr wurde eine Bewertung aller Jahrgangs- teilnehmer in der jeweiligen Rangliste veröffentlicht, von der Nummer Eins bis zum Schlechtplatziertesten. Wer nicht als beförderungswürdig galt, wurde entlas- sen. Somit galt es immer wieder die Kar- rieren der anderen Mitglieder im Blick zu halten, Seetage zu sammeln und bei Beur- teilungen gut abzuschneiden. Die Crew- gemeinschaft war nicht nur ein Ort des gemeinsamen Erinnerns und der Freund- schaften, sie war eine Versammlung aller beruflicher Konkurrenten. Darüber hin- aus konnte die Crew auch ein Instrument der Isolation sein. So wurde Kraschutzki aufgrund seines „kommunistischen“ (laut eigener Aussage pazifistischen) Aktivis- mus ausgeschlossen. Nachdem Kra- schutzki aus spanischer Haft entlassen und zurück nach Deutschland gekom- men war, bat er in den 1960er-Jahren um Wiederaufnahme in die Crew. Schluss- endlich wurde er nie offiziell wieder auf- genommen.
Zugleich verband die Crewgemeinschaft jedoch auch. Regelmäßige Crewtreffen und Jubiläen fanden statt. Sogar nach dem Tod aller Mitglieder trafen sich wei- terhin deren Angehörige im „Freundes- kreis Crew 1910“. Es konnten auch einige Beispiele des Zusammenhaltes gefun- den und in der Ausstellung präsentiert werden: So wurde ein Crewmitglied in den 1930er-Jahren dafür ausgeschlos- sen, einen Kameraden bei der Gestapo denunziert zu haben und ihm die Wie- deraufnahme verweigert. Der (halbjü- dischen) Ehefrau eines Crewmitgliedes wurde im Nationalsozialismus zur Flucht verholfen, in der Nachkriegszeit auch eine Witwenrente organisiert. Somit
bietet die „Crew 10“ spannende Einbli- cke in die unterschiedlichen Facetten der Gemeinschaft Crew.
Auch das Verhältnis von Dönitz und Niemöller sollte in diesem Zusammen- hang genannt werden. Dönitz, verurteil- ter Kriegsverbrecher und Nationalsozi- alist, und Niemöller, Mitbegründer der Bekennenden Kirche und Pazifist, verstan- den sich politisch wohl kaum. Niemöller würde später behaupten, Dönitz und er seien „gar nicht verschieden [...] nur ver- schiedene Wege gegangen!“ Damit das Crewgefüge nicht an zwei unterschied- lichen Polen auseinanderbreche, wurde eine Mediation der beiden Kameraden herbeigeführt, sodass gemeinsame Crewtreffen weiterhin möglich waren. In der Nachkriegszeit setzten sich wieder- holt Mitglieder der „Crew 10“ für Dönitz ein: Es wurde ein Schreiben an den Bun- deskanzler mit der Bitte um seine Entlas- sung aus der Haft verfasst, andere Kame- raden sammelten Unterschriften oder for- mulierten Verteidigungsschriften. In der Ausstellung ist Dönitz nur „einer von vie- len“. Ihm kommt die gleiche Ausstellungs- fläche zu wie dem Crewkameraden Reck- mann, der als erster der „Crew 10“ im Jahr 1911 verstarb. Seine Biografie ist eine gute Erinnerung daran, dass die Lebensspan- nen der Crew so verschieden sein konn- ten wie ihre Werdegänge, Karrieren und politischen Einstellungen.
Nachdem die Ausstellung nun zu den Tönen des Marinemusikkorps Wilhelms- haven feierlich eröffnet wurde, soll sie für das Museum einen zukunftsweisenden Charakter haben: Das Besucherfeed- back wird in die langfristige Überarbei- tung der Sonderausstellung (16.06.bis 06.11.2022) einfließen. Somit bietet die Ausstellung nicht nur ein spannendes Thema, sondern auch ein Experimentier- feld für die Neukonzeption. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen und Anre- gungen! 7
* Suzanne Foxley ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Marinemu- seum und eine der Kuratorinnen der Sonderausstellung
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