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um die es auch nicht viel besser bestellt ist, sind der Ausbau der Oststrecke durch Kurven- und Weichenoptimierungen, der Neubau der Schleusenkammern in Kiel, der Neubau der Levensauer-Hochbrü- cke und die durchgängige Vertiefung der Kanalsohle. Alles das anzupacken oder zu Ende zu bringen, wird höchste Zeit. Aber es gibt auch eine gute Nachricht, die zeigt, dass es langsam vorangeht. 120 Mio. Euro will der Bund in den kom- menden Jahren in den Ausbau der Ost- strecke des NOK investieren. Diese ins- gesamt 20 km lange Engstelle des Kanals zwischen Großkönigsförde und Kiel-Hol- tenau ist vor allem für größere Schiffe ein Nadelöhr. Sie soll auf 70 m Mindestsoh- lenbreite erweitert werden. Dazu werden auf einer Länge von 11 km die Kanalbö- schung ausgebaut und zu enge Kurven abgeflacht. Bei den Arbeiten werden et- wa 2 Mio. t Bodenmaterial anfallen, die zur Hälfte in die Kieler Bucht verbracht oder auf landwirtschaftliche Flächen ver- teilt werden. Alle Baumaßnahmen seien in enger Zusammenarbeit mit Umwelt- verbänden geplant worden, teilte die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt mit. Während der laufenden Arbeiten sollen regelmäßig ökologische Baubegehungen stattfinden. Der ers- te Bauabschnitt soll in etwa vier Jahren fertig werden.
Aktuelle Zahlen für das Jahr 2019 zei- gen, dass der Nord-Ostsee-Kanal sei- nen Stellenwert als meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt un- angefochten behauptet hat. Zwar wa- ren einige Rückgänge im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen, aber das ist un- terschiedlichen Faktoren zuzuschrei- ben, etwa den wirtschaftlichen Ent- wicklungen in den Ostsee-Anrainer- staaten und dem Russland-Embargo. Hinzu kommen die derzeit günstigen Bunkerpreise und niedrige Frachtra- ten. In absoluten Zahlen: Im Jahr 2019 wurden insgesamt 83.476.501 t Ladung auf dem NOK transportiert – das waren 4,6 % weniger als im Vorjahr. Insgesamt hatten 28.797 Schiffe den Kanal befah- ren, darunter 8.728 im Teilstreckenver- kehr zu den Häfen innerhalb des Ka- nals. Hinzu kamen unverändert rund 12.000 Sportboote. Im Durchgangs- verkehr wurden 20.069 Schiffe mit 76.810.252 t Ladung registriert – 813 und 4.047.623 t Ladung weniger als im Jahr davor.
Zu guter Letzt: Die für dieses Jahr ange- setzte Feier zum 125-jährigen Jubiläum ist Corona-bedingt auf den Juni 2021 ver- schoben worden. Sie soll nun unmittel- bar vor der Kieler Woche stattfinden, so wie seinerzeit die Einweihungsfeierlich- keiten mit Kaiser Wilhelm II. 7
Der Kanal ist auch bei der Sportschifffahrt hochgeschätzt, hier in der Schleuse Kiel-Holtenau
Geschichte
Schiffe unnötige Wartezeiten. Dieses ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie der notwendige Ausbau der Infrastruktur in unserem Land während der vergange- nen zwei oder drei Jahrzehnte vernach- lässigt worden ist.
Den NOK betreffend entschlossen sich immer häufiger Reedereien dazu, ihre Schiffe trotz der längeren – und damit teureren – Seestrecke um Skagen her- um zu routen, immer mehr Seeschiffe konnten wegen ihrer Größe den Kanal ohnehin nicht mehr befahren. Den An- fang machten die großen Containerschif- fe von Maersk, die erstmals 1995 Ostsee- häfen direkt bedienten. Dass etwas ge- schehen musste, war zumindest allen di- rekt am Kanalbetrieb Beteiligten klar. Nicht so offenbar im Verkehrsministeri- um, in dessen Haushalt die Mittel für den Kanal bereitgestellt werden. Zwar gab es von den nachgeordneten Behörden kla- re Vorstellungen und viele auch weit ge- diehene Pläne, aber sie verschwanden in den Schubladen oder wurden nur teil- weise und zögerlich umgesetzt. So wur- den 2013 zum Beispiel die für den Ka- nal vorgesehenen Bundesmittel von 60 auf 11 Mio. Euro zurückgeschraubt. Ein bedenkliches Beispiel für den schlep- penden Fortgang der Erneuerungspla- nungen ist der Bau der für den Betrieb dringend notwendigen fünften Schleu- senkammer in Brunsbüttel. Sie wird vor allem benötigt, um Reparaturen an den über 100 Jahre alten beiden großen, sehr störanfälligen Schleusenkammern durch- führen zu können, ohne dass es zu län- geren Unterbrechungen des gesamten Kanalverkehrs kommt. Der Planfeststel- lungsbeschluss für den Neubau wurde im September 2010 rechtskräftig und sieben Jahre waren bis zur Fertigstellung veran- schlagt. Aber es dauerte. Nach jüngsten Prognosen kann mit der Fertigstellung nicht vor Ende 2026 gerechnet werden. Andere große Baustellen oder Projekte,
Nach wie vor herrscht auf dem Kanal reger Verkehr – das kann aber nicht über den erforderlichen Ausbau hinwegtäuschen
Leinen los! 7-8/2020 51
Foto: Maschmann
Foto: Archiv hjw


































































































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