Page 8 - Leseprobe "Niemals ohne Lippenstift"
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»Vom Herrn Kowalski, bei dem hat sie angerufen.«
»Jo, aber wieso hot da Kowalski des g’wusst?«
»Der hat gesehen, wie du von der Rettung abgeholt wurdest.«
Die Tante denkt ein paar Sekunden angestrengt nach. »Ollerhaund! Der Kowalski siacht wirklich ois!«, resümiert die Tante und ich bin froh, dass sie sich langsam wieder orientieren kann. Mein Besuch scheint ihr Bewusstsein wieder ein bisschen ins Hier und Jetzt zu rücken. Ich will schon nachfragen, was denn eigentlich passiert sei, weswegen sie im Spital gelandet sei, da beginnt sie mir zu erzählen:
»Stö da vor, wos mir passiert is ...«, leitet sie eine absonderliche Geschichte ein.
Sie wollte am Samstag einen Ausflug machen, oder vielleicht auch in ein Konzert gehen, genau weiß sie das nicht mehr. Dann war sie im Steinbruch, wo nur Frauen gesessen sind. Auf meine verwunderten Fragen, in welchem Steinbruch das denn gewesen und wie sie dorthin gekommen sei, kann sie mir keine er- schöpfende Antwort geben. Vielleicht mit dem Autobus. Oder vielleicht doch mit dem Zug? Ich suche nach dem Körnchen Wahrheit, das in diesen Worten stecken könnte, aber ich finde es nicht. Als ich nachfrage, ob sie die Frauen gekannt hätte, denkt Elfie lange nach und ist schließlich überzeugt, nicht zu wissen, wer diese Frauen waren. Nur die Fini war auch da. Mir wird immer klarer, dass an dieser Geschichte gar nichts stimmen kann, denn die Fini, eine von Tantchens älteren Schwestern, ist seit mittlerweile zwölf Jahren tot. Dann hat ein Lastwagen – so ein Pritschenwagen – die Frauen abgeholt. Sie wurden alle gezwungen, auf die Ladefläche zu klettern, was gar nicht so einfach war. Ich frage, wer denn die Frauen gezwungen hätte und erfahre, dass es die Polizei gewesen sei. Oder vielleicht waren es auch Soldaten? Mit dem Lastwagen wurden sie über endlos lange Feldwege bis in die Stadt gebracht und dort mussten sie wieder aussteigen. Später stand sie mit nacktem Oberkörper an der Kreuzung bei der Philadelphiabrücke, wollte ein Taxi nehmen, um nach Hause zu fahren. Sie hat sich ja so geniert, weil sie fast nackt war.
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