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Deutsche Marine/Deutscher Marinebund
Gestern haben wir, 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den 65. Jahrestag der Gründung unserer Bundes- wehr gefeiert. Die Gründung einer Bun- deswehr, die heute, 30 Jahre nach der Wie- dervereinigung, als Armee der Einheit für die Werte steht, für die unser Deutschland steht: Frieden, Freiheit, Recht, Demokratie und Menschenwürde. Die Gründung einer deutschen Armee – die bewusst anders ist als all ihre Vorgänger, die dem Parlament, dem Volke, verantwortlich ist, die auf dem Boden des Grundgesetzes steht und einen unverrückbaren Wertekompass hat.
So ist sichergestellt, dass von Deutsch- land – unserem Land – nie wieder aus ideologischen oder machtpolitischen Motiven heraus Krieg und Gewalt in die Welt getragen werden.
Nie wieder darf tatenlos zugesehen wer- den, wie Krieg, Terror und Verfolgung ganze Völker vernichten. Dafür steht die Bundeswehr, dafür steht die Deutsche Marine.
Ließen vor 75 Jahren noch allein im letz- ten Jahr eines Krieges, in dem das Men- schenrecht mit Füßen getreten wurde, Tau- sende von Menschen bei den Versenkun- gen durch deutsche U-Boote ihr Leben, so setzen sich deutsche Einheiten heute in der Ägäis für eben diese Menschenrechte ein. Wurden vor 75 Jahren von deutschen Bahnhöfen noch todbringende Waffen- transporte der Wehrmacht an die Fron- ten in Marsch gesetzt und jüdische Mitbür- ger den Vernichtungsanlagen zugeführt, so stehen heute Soldaten der Bundeswehr an deutschen Bahnhöfen, um sich für das Leben und die Gesundheit von Menschen einzusetzen. Beispiele, die deutlich zeigen – es hat sich etwas geändert.
Dort wo einst deutsche Schiffe und Solda- ten die Geißel des Krieges in die Welt tru- gen, gewährleisten sie heute zusammen mit Partnern Frieden in Freiheit, die Beach- tung des Rechts und den Schutz des Lebens Unschuldiger. Die Erfahrungen lehren uns, zu gedenken, sie lehren uns, zu handeln, sie lehren uns, Position zu beziehen.
Der australische Historiker Christopher Clark hat in seinem über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschriebenen Werk „Die Schlafwandler“ die Interes- sen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen analysiert und das Bild einer komplexen Welt gezeichnet, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschät- zungen, Überheblichkeit, Expansions- pläne und nationalistische Bestrebungen
zu einer Situation führten, in der ein winzi- ger Funke genügte, das Pulverfass Europa explodieren zu lassen und einen Krieg auszulösen, dessen verheerende Folgen niemand abzuschätzen vermochte oder gar wollte. Der Titel aber drückt aus, dass man Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen hat, dass man vor Risi- ken und Gefahren die Augen verschlossen hat, dass man in einem Dämmerzustand verharrte und dass man traumwandlerisch und fatalistisch dem Lauf der Dinge, der offenbar unabänderlichen Abfolge von Aktion und Reaktion zusah.
Blicken wir heute in die Welt, so müssen wir uns eingestehen, dass ewiger Friede auf sich warten lässt und dass wir von einem Ende der Geschichte nicht reden können. Gewalt und kriegerische Mittel sind nach wie vor Mittel interessengeleite- ter Politik. Der Mensch ist des Menschen Wolf geblieben.
Extremismus, Nationalismus, Fanatismus, Egoismus und Partikularismus bilden im Zeitalter der Globalisierung ein Koordi- natensystem, in dem sich ganz neue Risi- ken und Gefahren verorten lassen, die alle das Potenzial haben, sich in Gewalt, Krieg oder Unterdrückung zu entladen. Wehret aber den Anfängen.
Und an dieser Stelle sind wir gefordert, unseren Beitrag zu Sicherheit, Toleranz und Frieden zu leisten. Und genau dazu ruft uns der Volkstrauertag auf. Er apos- trophiert nämlich nicht ein Ereignis oder eine Idee, er stellt den Menschen in den
Mittelpunkt: denjenigen, der sein Leben ließ und dessen wir gedenken und denje- nigen, der heute Verantwortung trägt und der die richtigen Lehren aus Geschichte ziehen sollte.
In Kurt Tucholskys Gedicht „Der Graben“ ist von den Menschen und den Lehren die Rede. Dort ist sowohl das unermessliche Leid beschrieben, das durch Kriege erlitten wurde, aber auch der versteckte Appell an uns, die Zukunft über die Gräber zu gestal- ten. In diesem Gedicht heißt es:
Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält? Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen, und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben. Für den Graben, Mutter, für den Graben. Junge, kannst du noch an Vater denken? Vater nahm dich oft auf seinen Arm. Und er wollt dir einen Groschen schenken, und er spielte mit
dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben. Für den Graben, Junge, für den Graben. Drüben die französischen Genossen lagen dicht bei Englands Arbeitsmann. Alle haben sie ihr Blut vergossen, und zerschossen ruht heut Mann bei Mann. Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe. Denkt an Todesröcheln und Gestöhne. Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne, schuften schwer, wie ihr,
ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben? Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben! Wider also das Vergessen!
Wider die Ignoranz!
Wider die Gleichgültigkeit!
Wir gedenken der unzähligen Opfer zweier Weltkriege – der Opfer von Ter- ror, Unterdrückung und Vertreibung. Insbesondere aber gedenken wir hier, am Marine-Ehrenmal in Laboe, all jenen, die ihr Leben dabei auf See gelassen haben. Wir gedenken ihnen, unabhän- gig von ihrer Herkunft, unabhängig davon, ob sie Soldaten oder Seefahrer waren. Wir gedenken all jener, die im Dienst unseres Landes, im Dienst unse- rer Marine ihr Leben gaben, in der Hoff- nung, uns eine bessere Welt zu hinter- lassen. Ihr Tod muss uns eine Mahnung sein – eine Mahnung für ein friedvolles
Miteinander.
Mögen sie niemals vergessen werden. 7
12 Leinen los! 1-2/2021
Beim diesjährigen Volkstrauertag wurden keine Gäste zugelassen. Jede Delegation durfte maximal 2 Personen entsenden.
Es wurden 14 Kränze niedergelegt.
y Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein
y Reservistenverband Schleswig-Holstein
y Deutscher Bundeswehrverband y Marine-Offizier-Vereinigung
y Gemeinde Laboe
y Amt Probstei
y Inspekteur der Marine Marinekommando
y Präsident des Schleswig- Holsteinischen Landtages
y REUNION der Marine y Stadtpräsident der
Landeshauptstadt Kiel
y Cactus-Starfighter-Staffel
y Unteroffizierkameradschaft Kiel y Kreispräsident des Kreises Plön
y Präsident Deutscher Marinebund

