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Historisches Kalenderblatt 7-8/2020
Mit dem Bau eines neuen Schnell- dampfers wollte die Hamburg- Amerikanische Packetfahrt-Actien-Ge-
sellschaft (Hamburg Amerika Linie, HA- PAG) ihren Konkurrenten, den Bremer Norddeutschen Lloyd (NDL), übertref- fen. Dessen Vier-Schornstein-Schnell- dampfer kaiser Wilhelm der Grosse hat- te im März 1898 – erstmals für ein deut- sches Schiff – das Blaue Band für die schnellste Nordatlantik-Überquerung in Ost-West-Richtung gewonnen.
An die Vulcan Werft in Stettin ging der Bauauftrag für ein gleichartiges Schiff. Es sollte aber größer, schneller und kom- fortabler werden. Auch die HAPAG rich- tete den Blick auf die begehrte Trophäe. Am 10. Januar 1900 lief der auf den Na- men deutschlaNd getaufte Schnell- dampfer vom Stapel. Die deutschlaNd war größer und länger als die kaiser Wil- helm der Grosse. Sie konnte auch mehr Passagiere mitnehmen. Zwei Vierfach- Expansionsdampfmaschinen mit ins- gesamt 34.000 PS verliehen dem Zwei- Wellen-Schiff eine Geschwindigkeit von 22,5 kn.
Die deutschlaNd trat am 4. Juli 1900 ih- re Jungfernreise von Cuxhaven nach New York an. Dem Schnelldampfer ge- lang es auf Anhieb, das Blaue Band zu erringen und es dem NDL-Schnelldamp- fer kaiser Wilhelm der Grosse zu entrei- ßen. Für die nächsten zwei Jahre sollte die Trophäe bei dem Schiff verbleiben.
Modellaufnahme der Vierfach-Expansionsdampfmaschine der deutscHLand
In nachfolgenden Fahrten verbesserte die deutschlaNd noch mehrmals ihre Re- kordgeschwindigkeit.
Doch dieser Erfolg war teuer erkauft. Die Dampfkessel des Schnelldampfers ver- schlangen täglich 575 t Kohle. Die auf Höchstleistung getrimmte Maschinen- anlage war störanfällig und vibrierte un- ter Volldampf, was bei den Passagieren nicht allzu gut ankam und der deutsch- laNd den Spitznamen „Cocktail Shaker“ eintrug. Der „Kohlefresser“ wurde im Ok-
tober 1910 außer Dienst gestellt und umgebaut. Dabei wurden die Maschinen gedrosselt und die In- neneinrichtung für die Zwecke ei- nes Luxus-Kreuzfahrtschiffes her- gerichtet. Zudem wurde das Schiff in victoria luise umbenannt.
Der Erste Weltkrieg beendete schlagartig die Vergnügungsrei- sen. Die victoria luise wurde von der Kaiserlichen Marine als Hilfs- kreuzer ausgerüstet, aber dann
doch nicht eingesetzt. Der Marine war das Schiff mit jetzt 17,5 kn zu langsam. Die Kesselanlagen waren für die einst vor- handene Hochleistung nicht mehr aus- gelegt. An die HAPAG zurückgegeben, blieb die victoria luise bis zum Kriegsen- de als Auflieger in Hamburg. Der schlech- te Zustand rettete sie 1919 vor der Ablie- ferung an die Siegermächte. Sie war nun der einzige größere Dampfer unter deut- scher Flagge.
Bei erneuten Umbauten des in haNsa um- benannten Schiffes wurden zwei Schorn- steine entfernt und die Passagiereinrich- tungen nochmals verändert. Jetzt konn- te das im Hamburg–USA–Kanada-Dienst eingesetzte Passagierschiff 224 Passagiere in Kabinen und 1.065 in der III. Klasse mit- nehmen. Der Einsatz der rund 25 Jahre al- ten haNsa währte aber nicht allzu lange. Sie war technisch und schiffbaulich auf- gebraucht. Im Oktober 1924 wurde das Schiff aufgelegt und im Mai 1925 zum Ab- wracken verkauft. 7
Schnelldampfer deutscHLand
Reederei
HAPAG, Hamburg, Deutschland
Bauwerft
AG Vulcan, Stettin, Deutschland
Stapellauf
10. Januar 1900
Vermessung
16.502 BRT
Länge × Breite
208,50 m × 20,50 m
Besatzungsstärke
557 Personen
Passagiere
429/226/284 in I./II./III. Klasse, 1.000 Zwischendeck
Antrieb
2 × Dampfmaschine
Antriebsleistung
34.000 PS
Wellen
2
Geschwindigkeit
22,5 kn (Schnelldampfer), 17,5 kn (Kreuzfahrtschiff)
Blaues Band
6. Juli bis 12. Juli 1900: 22,42 kn, 26. Aug. bis 1. Sept. 1900: 23,02 kn, 26. Juli bis 1. Aug. 1901: 23,06 kn, 2. Sept. bis 8. Sept. 1903: 23,15 kn
44 Leinen los! 7-8/2020
Der ehemalige Schnelldampfer deutscHLand wurde nach seinem 1920/21 erfolgten Umbau in Hansa umbenannt
Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte
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