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Das Innere kann die knapp fünf Jahrzehnte auf dem Meeresboden nicht verleugnen, ist aber dennoch gut erhalten
Derzeit ist nur ein Bruchteil des gefundenen Materials im
Museum. Mit dabei: Gesellschaftsspiele, persönliche Gegenstände, Alkohol sowie noch immer aromatische Kaffeebohnen
nisation 2006 wurde U 534 von der Firma Merseytravel erworben, die sich dem Pro- jekt Museumsboot gewachsen sah. Aller- dings gab es da ein kleines Problem. Ein Platzproblem für ein Großexponat mit einer Länge von 76 m. Dies ist der oft kon- trovers diskutierte Grund, warum U 534 in vier Teile zerteilt wurde – die Alternative hätte Hochofen gelautet, da man einfach nirgends den Platz, noch ein bezahlbares Konzept hatte, eine derart lange Stahlröhre aufzustellen. „The U-Boat-Story Exhibition“ konnte zwar 2009 realisiert werden, musste aber aufgrund der immensen laufenden Kosten für die Instandhaltung des Boo- tes und den Betrieb der Ausstellung die weiße Fahne hissen. Seit letztem Jahr hat U 534 eine neue Besitzerin, die Big Heri- tage C.I.C, die diverse Museen in Liverpool und Umgebung betreut. Das interdiszipli- näre Team um Big Heritage C.I.C-Direktor Dean Paton „How to fix a U-Boat“ ist Teil dieses Museumverbundes und verantwort- lich für das Projekt U 534.
Kooperation
Im Gegensatz zu U 995, welches bis zum Umbau als Museum in Dienst stand, ist U 534 ein archäologischer Befund. Ein Wrack am Meeresgrund konserviert jenen Zustand, den es zum Zeitpunkt des Untergangs hatte: Keine Umbauten, keine Umnutzung, kaum Einfluss außer der der Natur. Die Intention, das Wrack zu heben, mag eine fragwürdige gewesen sein, für die Forschung ist U 534 aus heutiger Sicht dennoch eine interessante Quelle von sehr hohem Wert. Was aber verbindet nun die beiden Boote und neuen „Crews“? In ers- ter Linie das Interesse, die Boote zu erhal- ten und diese vor einer endgültigen Ver- senkung in der Bedeutungslosigkeit zu
schützen, deren Geschichten zu konser- vieren und diese mit der Öffentlichkeit zu teilen. Darüber hinaus ergänzen sich beide Boote in der Funktion als Quellen durch ihre Gestalt: Während U 995 ein bis zur Außerdienststellung durchgehend genutztes Boot im ordentlichen Zustand ist, ist U 534 ein gehobenes Wrack, wel- chem man die 48 Jahre auf dem Mee- resgrund deutlich ansieht. U 995 ist eine intakte Stahlröhre in der, abgesehen von der immobilen baulichen und technischen Beschaffenheit, gähnende Leere herrscht, U 534 dagegen ist eine Zeitkapsel, die die Lebens- und Arbeitswelt der Besatzung lückenlos konserviert hat. Mehr als 4,5 t Inventar wurden im Boot gefunden und erlauben so eine einzigartige Sicht auf die Dinge des täglichen Lebens einer U-Boot- besatzung im Zweiten Weltkrieg. Und so gab es für die Delegation aus Laboe viele interessante Dinge zu erleben, von den Lieblingsschallplatten der Besatzung bis hin zu Zahncremetuben, die nach knapp 80 Jahren, davon fast ein halbes Jahrhundert auf dem Meeresgrund, noch immer nach Pfefferminze riechen. Somit ist es wenig verwunderlich, dass die Fundobjekte auch großes Interesse beim Laboer Freundes-
Die Autoren vor U 534
kreis entwickelten, könnten diese doch hilf- reich sein, begehbare Geschichtsbilder an Bord von U 995 zu entwerfen und so das Leben an Bord von U 995 für die Öffent- lichkeit greifbarer zu machen.
Umso mehr freute man sich über die Einla- dung und die exklusive Besichtigung der derzeit für die Öffentlichkeit geschlos- sen Ausstellung um U 534. Das komplette Museumskonzept wird überarbeitet: Die Ausstellungsräumlichkeiten werden erwei- tert, es finden umfangreiche Konservie- rungsmaßnahmen an und in U 534 statt unter der Prämisse, das Wrack weiterhin als Wrack zu behandeln und zu präsentie- ren, denn dies ist essenziell für eine vollum- fängliche und authentische Darstellung der gesamten Geschichte des Bootes. Gleich- zeitig sichtet man noch immer Hunderte Dokumente und Gegenstände, die damals im Wrack gefunden und notdürftig archi- viert wurden – bei deren Auswertung greift man gerne auf die Expertise des Freundes- kreises zurück. Zudem wurden viele Fach- gespräche geführt: über Vermittlung in der Museumsarbeit sowie den Erhalt von Arte- fakten und historischen Quellen.
„This pigeon population is still a serious problem here“, merkt Dean Paton beim Betreten des Außengeländes an. Die einen kämpfen also vorrangig mit der salzhalti- gen Seeluft der Ostsee und gegen Van- dalismus, die anderen mit den Verunreini- gungen durch Tauben und das hervorra- gende englische Wetter. Es gibt also noch viele weitere Baustellen, die angegangen werden wollen – und das passiert von nun an im gegenseitigen Austausch. Neben ein paar kleinen Geschenken wurde ver- einbart, sich jetzt gegenseitig häufiger zu besuchen – im kommenden Oktober in Laboe und nächstes Jahr wieder in Liver- pool. 7
Mensch.Schifffahrt.Meer.
Leinen los! 10/2022 21


































































































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