Page 22 - Die Seuche
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11. Juwelerne
Hem Graugrund führte die zwei Elfen in edlen Gewändern mitsamt deren Soldaten das
kurze Stück zwischen Hafenviertel und Adelsviertel mit äußerster Vorsicht hindurch. Eine
beachtliche Menge an Palastgardisten begleiteten die Gruppe mit schweren Schilden, eine
Hand am Griff der Waffen. Erst als sie das Stadttor zum gut situierten Bereich der Stadt
durchschritten entspannten sich die Soldaten, das metallische Poltern des herabfallenden
Gatters war wie Musik in deren Ohren. “Nerron Lothring, ehrenwertes Ratsmitglied, bürgt für
euch und die Echtheit eurer Dokumente. Ich entschuldige mich, Skepsis geäußert zu
haben.”, der Zwerg in der schweren reichlich verzierten Rüstung und dem roten Bart
schnaubte, als er einen röchelnden Rytarer mit etlichen Stichwunden an einer
Häuserfassade lehnen sah und blickte entschuldigend zu den Elfen. “Meine Stadtwache tut
was sie kann, aber wir sind schlichtweg zu wenige, kaum haben wir einen Streit geschlichtet,
ereilt uns der nächste Bericht über die Sichtung Infizierter oder einem wütenden Mob. Als
wäre die Seuche und ein anbahnender Bürgerkrieg nicht genug Chaos, sind wir nun ohne
Führung, von der Kurfürstin fehlt jede Spur, ihre engsten Vertrauten sind ebenfalls weg.” Die
zwei gedrungenen Hunde an der Kette, die in Amarahs Hand endeten, lotsten sie sicher
durch die fremde Stadt, führten sie zielstrebig um Schlaglöcher herum. “Und unter wessen
Befehlen agiert Ihr nun, Hem Graugrund, oberster Wächter der Kristallstadt?”, setze Amarah
an, während einige Stadtwachen an ihnen vorbei polterten. Der Zwerg schien etwas
abzuwägen, ehe er sprach. “Der Rat ist sich uneins, kaum eine Versammlung unterscheidet
sich momentan von einem Hühnerstall, aufgeregte Hennen gackern vor sich her ohne
Ergebnis. Ich vertrete den Standpunk, der Palat müsse um jeden Preis geschützt werden.
Wir sollten uns um eine Zusammenarbeit mit dem unteren Viertel bemühen und darum
bitten, dass diese Truppen aus dem dritten Ring abziehen und den Adelsbezirk mit uns
bemannen, anstatt Gift und Galle gegen uns zu spucken. Ich stoße aber auf taube Ohren,
vorallem bei den Ratsmitgliedern, die nicht mit dem goldenem Löffel im Mund geboren
wurden.”, während er den Satz formulierte, warf er der Elfin einen kurzen vorwurfsvollen
Blick zu. Amarah, die diesen nicht sehen konnte, nickte bloß und wartete ab, bis er weiter
sprach. “Ihr seid eine Mirilan, eine der urältesten Familien dieser Stadt, Euer Urgroßvater hat
mit eigenen Augen gesehen, was da unten..”, er unterbrach und schwieg. Die Blinde Elfin
hackte ein: “Ihr seid eingeweiht, Zwerg. Also ist oberster Wächter mittlerweile nicht zu einem
schalen Titel verkommen, wie erfreulich.” Allanor ergänzte: “Kein Wunder also, dass Ihr den
Palast um jeden Preis beschützen wollt.”, er wand sich kurz an die elfischen Soldaten,
welche bis auf einige wenige, das Schiff verlassen hatten. “Ihr untersteht bis auf Widerruf
dem obersten Wächter, helft wo ihr könnt.”. Graugrund nickte dankend und führte die Gäste
durch den Palastgarten.
Helles Rot ergoß sich über den feuchten Kies, als dem Späher die Kehle eröffnet wurde, die
Schuhsohlen schabten ohne Halt panisch darüber. Der Jomswikinger starrte dem
Sterbenden in die geweiteten Augen, zog den zuckenden Körper auf die Seite, ließ ihn
neben den Weg in den Dreck fallen. In wenigen Augenblicken war er zurück im Sattel, die
Umrisse der Kristallstadt stachen aus dem Nebel hervor.
“Mirilan?”, fragte die Meisterin der Akademie ungläubig. “Die Familie der Juwelernen
herrschte etwa 130 Jahre, als”, Hem wurde von Shiva unterbrochen. “Ich weiß, wer die
Mirilan sind, aber was machen die jetzt hier? Es ist ausgeschlossen, dass sie erfahren
konnten, dass die Kurfürstin verschwunden ist”. Der Wächter schwieg und sie fuhr fort. “Ich