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Erschreckende Zeitbomben
2002 wurde nämlich auf dem G-8-Gip- fel in Kananaskis Village in Kanada beschlossen, die Welt gemeinsam vor einer Umweltkatastrophe zu bewahren. In den Buchten an der Barentssee und auf der Insel Nowaja Semlja rostete das strahlende Erbe des Kalten Krieges vor sich hin: gewaltige U-Boote, die nicht nur Nuklearwaffen trugen, sondern auch von Atomreaktoren angetrieben wurden. Erschreckende Zeitbomben, die ich wäh- rend der Eisbrecher-Reise selber gese- hen habe. Wobei damals noch sehr sorg- los mit dem Abfall umgegangen wurde: in Container gepackt und versenkt, auch komplette atomar angetriebene Schiffe. Norwegen, dessen Fanggründe in der Barentssee liegen, war empört und
Bernd Menger (li.) mit zwei russischen Mitarbeitern auf der Baustelle
drängte auf ein sofortiges Ende dieser unheilvollen Praxis sowie ein Bergungs- konzept. Russland war damit technisch und finanziell überfordert, 150 Reaktor- sektionen von U-Booten und 25 von Ser- viceschiffen der russischen Nordmeer- flotte zu entsorgen und den verstrahl- ten Restmüll sicher zu lagern. Außerdem mussten 17 belastete Schiffswracks in der Saida-Bucht gehoben werden. Die G-8-Chefs bewilligten dafür insgesamt 15 Mrd. US-Dollar, davon die Bundesre- publik Deutschland allein 1,5 Mrd. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) war auch der Auftraggeber für EWN.
Menschliche und politische Hürden
Hier war die EWN gefordert, zumal sie auf ihrem neuen Gebiet ein absolutes Mono- pol hatte. „Wie andere Marinen ihre ato- mar betriebenen Schiffe entsorgen, das habe ich bisher noch nicht erfahren“, meint Menger, „beunruhigend ist das schon.“ Russland habe den insgesamt 20 invol- vierten Firmenangehörigen aus Meck- lenburg-Vorpommern, und nur denen, in ihrem Sperrgebiet volle Bewegungsfrei- heit garantiert, „auch wenn man unseren Kontrollen anfangs restriktiv begegnete“. Schließlich ist das Moskauer Kurtscha- tow-Institut, das die sowjetische A-Bombe entwickelte, mit ins Boot geholt worden. „Sprachlich gab es keine Probleme“, erin- nert sich Menger, „weil wir Deutschen aus der ehemaligen DDR Russisch konnten und auf Speziallehrgängen in Leningrad und Odessa weiter getrimmt wurden.“ Damit
Mensch.Schifffahrt.Meer.
Dreier-Sektionen, in der Mitte die Reaktorsektion
Im Reaktorraum der rOssija
Leinen los! 1-2/2021 29
Foto: privat Foto: privat/EWN
Foto: privat/EWN


































































































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