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Mensch.Schifffahrt.Meer.
wurden auch menschliche und politische Hürden leichter genommen, „weil man sich auf Augenhöhe begegnete“. Im Zuge der Vergabe von Aufträgen zur Projektreali- sierung schloss EWN 1000 Verträge und Nachträge allein mit russischen Firmen und Instituten.
Entstrahlte Nordregion Russlands
Ein bis zweimal pro Monat düsten die EWNler für jeweils eine Woche in den Norden der Halbinsel Kola zu Inspektions-, Kontroll- und Abnahmetätigkeiten, „egal ob es bitterkalt oder sengend heiß war“, so Menger. Als Teilprojektleiter war er, der zuvor auf vielen Feldern einschlägige Bau- Erfahrungen sammeln konnte, verantwort- lich für die Steuerung der Arbeitsschritte beim Bau des 600-Mio.-Dollar-Entsor- gungszentrums und des Langzeitzwi- schenlagers mit angeschlossenen Labors. Damit wurden in der Saida-Bucht des Kola Fjords die Voraussetzungen geschaffen, um kontinuierlich radioaktive Materialien 70 Jahre zu lagern. „Wobei die Vorschriften teils noch schärfer sind als in Deutschland“, weiß Menger, „und Tschernobyl war keine technische Panne, sondern auf menschli- ches Versagen zurückzuführen.“
Das war noch nicht alles, was EWN zu leis- ten hatte. Auf der Nerpa-Werft 60 km nördlich von Murmansk sollten die Atom- U-Boote – Verdrängung bis zu 48 000 t, 173 m Länge, 23 m Breite und 190 MWth Leistung effizient zerlegt werden, doch deren Infrastruktur befand sich auf dem Niveau der 60er- und 70er-Jahre. „Dafür mussten die für Transportvorgänge not- wendigen Schwimmdocks, Hafenschlep- per und Pieranlagen umfassend instand- gesetzt, ausgebaut und saniert werden“, erklärt Menger, „die Werft bekam Spezial- container zur Lagerung von radioaktiven Abfällen, Schwimmpontons und -piers sowie ein in Rostock entwickeltes schie- nengestütztes Schwerlasttransportsystem
Querschnitt durch ein zerlegtes U-Boot, rund 20 m hoch
Mit NS rOssija zum Nordpol
samt Reststoffverfolgungs- und Kontroll- system.“ Inzwischen haben EWN und der Bund das Projekt beendet, „aber die russi- schen Kollegen arbeiten weiter an der Ent- sorgung“, konstatiert Menger, „insgesamt war das eine hohe Summe, die sich aber im Hinblick auf den Schutz der Umwelt in der Nordregion absolut gerechnet hat“, ist er absolut überzeugt. 7
Literaturhinweis: Eine empfehlenswerte Lektüre dazu ist das spannende Buch des Rostocker Journalisten und Ex-NDR- Chefs vom Dienst Michael Schmidt, der das Privileg hatte, als einziger westlicher Berichterstatter dabei sein zu dürfen: „Sperrzone Murmansk – Wie Russland seinen Atom-Schrott entsorgt“; 223 S., € 14,99; ISBN 978-3-360-01330-9
Panorama des Entsorgungszentrums in der Sajda
30 Leinen los! 1-2/2021
Foto: EWN
Foto: Archiv Autor Foto: privat

