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Geschichte
tete die Schließung der Ostseezugänge für die Briten und damit die Unterbre- chung der Versorgung der Royal Navy. Die britische Regierung, die auf dunklen Kanälen von dem Plan Kenntnis erhalten hatte, konnte dies unter keinen Umstän- den zulassen und begann daher, Druck auf Dänemark auszuüben und entsandte im Spätsommer 1807 eine Flotte unter Admiral Gambier nach Kopenhagen. Nachdem der dänische Regierungschef Bernstorff ein Ultimatum, innerhalb einer Woche gegen die Zahlung von Subven- tionen ihre Flotte der Obhut der Englän- der zu übergeben, entrüstet zurückgewie- sen hatte, begannen die Briten am 2. Sep- tember 1807 die Stadt zu beschießen. Die Dänen verteidigten todesmutig ihre bren- nende Stadt fünf lange Tage, bevor die Kapitulation unvermeidbar wurde. 2000 Zivilisten waren getötet worden, ein Teil der Stadt niedergebrannt und die Flotte von den Engländern gekapert worden. Für die bis an die Grenze der Belastbar- keit beanspruchte Royal Navy war jedoch die große Menge an erbeutetem Schiff- baumaterial noch wertvoller als die z.T. irreparablen dänischen Schiffe.
Bei den Dänen hinterließ dieser „Raub der dänischen Flotte“ für viele Jahre einen tie- fen und bitteren Hass auf die Briten und trieb sie endgültig als treue Bundesge-
nossen auf die Seite Frankreichs – doch der britische Zugang zur Ostsee blieb den ganzen Krieg hindurch gewahrt.
Für die Briten wuchs jedoch in den Jahren nach 1806 der wirtschaftliche Druck: Es stapelten sich in den zum Bersten gefüllten Londoner Waren- häusern die Exportgüter, die Arbeits- losigkeit stieg, und der Ausbruch sozia- ler Unruhen schien nur noch eine Frage der Zeit. Eine gewisse Abhilfe brachte ein allerdings groß angelegter Schleich- handel, denn vom Mittelmeer bis nach Skandinavien wurden Unmengen briti- scher Erzeugnisse und Kolonialwaren auf den Kontinent geschmuggelt, oft- mals unter stillschweigender Duldung durch bestochene Beamte. Dabei lock- ten ungeheure Profite. Voraussetzung für den Schmuggel waren allerdings geeignete Stützpunkte für den Waren- umschlag, wie die Insel Malta im Mittel- meer. In der Nordsee bot sich dagegen die in der deutschen Bucht liegende, zum dänischen Gesamtstaat gehörende Hochseeinsel Helgoland an, die daher im August 1807 durch ein englisches Kommando besetzt und zu einer Fes- tung ausgebaut wurde.
Obwohl die Besatzung aufgrund der beengten Verhältnisse auf dem winzigen Eiland zu erheblichen Unterbringungspro-
blemen und, neben der Möglichkeit der Bereicherung für die Inselbevölkerung, auch zu einigen Konflikten zwischen die- ser und der Besatzungsmacht führte, sollte der winzige, von armen Fischern und Lotsen bewohnte Felsen einen unge- heuren wirtschaftlichen Aufschwung erle- ben. In den Jahren nach 1807 entwickelte sich Helgoland aufgrund seiner günstigen Lage zum wichtigsten Schmuggelzen- trum Nordeuropas, von dem die begehr- ten englischen Waren ihren Weg auf den Kontinent antraten. Innerhalb kurzer Zeit fand sich auf Helgoland eine große Zahl seriöser und weniger seriöser Kaufleute ein, die hier ihre Kontore und Warenla- ger errichteten, um das lukrative Schmug- gelgeschäft mit dem Kontinent zu betrei- ben. Helgoland diente hierbei als Basis, von der aus mit Hilfe von kleinen Schiffen und Booten die Konterbande mehr oder weniger heimlich an die deutschen und dänischen Küsten gebracht wurde, z.B. über die Häfen Husum und Tönning oder andere kleine, versteckte Anlandeplätze. Vor allem Kolonialwaren, wie Kaffee, Tee, Zucker, Tabak usw. waren begehrte, auf dem Kontinent durch Kontinentalsperre und englische Blockade kaum erhältliche Güter, deren Schmuggel hohe Gewinne abwarf. In den Blütejahren des Schleich- handels, 1810/11, befanden sich bis zu
Die englische Flotte vor Kopenhagen 1807
44 Leinen los! 1-2/2021
Gemälde: Wikipedia/Christian William Eckersberg


































































































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