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Geschichte
den. Damit wäre der Krieg um die Vor- herrschaft in Europa faktisch beendet gewesen, wie Napoleon an Villeneuve schrieb: „Kommen Sie für 24 Stunden, und alles ist vorbei.“
Obgleich Nelson die inzwischen durch zahlreiche spanische Schiffe verstärk- te französische Flotte bis in die Karibik und wieder zurück nach Europa verfolg- te, gelang es ihm nicht, Villeneuve zum Kampf zu stellen. Nach einer wilden Hetz- jagd ging Nelson am 19. August in Ports- mouth an Land. Zwei Jahre und drei Mo- nate war er nicht mehr zu Hause gewe- sen. Erst in England erfuhr Nelson, dass Villeneuve mit seiner Flotte in Cadiz Zu- flucht gesucht hatte. In langen Sitzungen besprach Nelson mit Premierminister Pitt und Lord Barham, dem Chef der Admi- ralität, die Lage. So oft wie möglich fuhr Nelson auf seinen Landsitz Merton vor den Toren Londons, um ein wenig Zeit mit seiner Geliebten Emma Hamilton und ihrer gemeinsamen Tochter Horatia zu verbringen. Am Abend des 13. Septem- ber, nur dreieinhalb Wochen, nachdem er in England angekommen war, ver- ließ Nelson zum letzten Mal sein Heim in Merton. Emma fiel die Trennung sehr schwer: „Mir bricht wieder das Herz, weil unser lieber Nelson fortgeht.“ Nachdem er Emma und seiner Tochter Lebewohl gesagt hatte, fuhr Nelson nach Portsmouth, wo er am 14. September ein- traf. In der englischen Hafenstadt wurde Nelson von einer großen Menschenmen- ge begeistert empfangen. „Viele waren in Tränen aufgelöst, und viele knieten vor ihm nieder und segneten ihn, als er vor- beiging“, beschreibt sein Biograf Robert Southey diesen letzten Abschied von England. Nur mit Mühe gelang es Nel- son, ein Boot zu besteigen und sich auf
Die Aufstellung der Schiffe vor der Schlacht
sein Flaggschiff, den mit 104 Kanonen bewaffneten Dreidecker viCtOry, über- setzen zu lassen. Am nächsten Morgen lief das mächtige Linienschiff aus. Sehnsüchtig hatte Napoleon in seinem Invasionslager bei Boulogne auf das Meer geblickt, doch der Horizont blieb leer – kein Segel kündigte ihm die er- sehnte Ankunft der vereinigten Flotte an. Schließlich erreichte den Kaiser der Franzosen die Nachricht, Villeneuve sei mit seinen Schiffen nach Cadiz gesegelt. Napoleon bekam einen seiner berüchtig- ten Wutanfälle. Er tobte und beschimpf- te den Admiral als Feigling und Verrä- ter. Dann entschied er sich zum Handeln. Kurzerhand warf er seine Invasionsplä- ne über den Haufen. Zugleich entschloss Napoleon sich, Villeneuve abzulösen. Zum neuen Oberbefehlshaber der ver- einigten Flotte ernannte er Villeneuves
ärgsten Rivalen, Vizeadmiral Rosily, der sich sogleich auf den Weg nach Spani- en machte.
Am 28. September 1805, einen Tag vor seinem 47. Geburtstag, stieß Nelson zur englischen Flotte vor Cadiz. Die verei- nigte französisch-spanische Flotte war den Briten nicht nur an Schiffen, son- dern auch an der Zahl der Geschütze überlegen. Doch das konnte Nelson nicht schrecken. Er wollte Villeneuve aus dem Hafen herauslocken und zur Ent- scheidungsschlacht stellen. Dabei woll- te er sich einer völlig neuen Taktik be- dienen. Bei einem abendlichen Treffen präsentierte er seinen Offizieren seinen Schlachtplan. Sobald sich die vereinig- te Flotte aus dem Hafen herauswagte, wollte sich Nelson auf sie stürzen. Doch statt wie üblich die gesamte feindliche Schlachtlinie angreifen, plante Nelson, seine Flotte aufzuteilen, die feindliche Li- nie an verschiedenen Stellen zu durch- brechen und so einen Teil der feindli- chen Flotte mit einer Übermacht der ei- genen Schiffe vernichten, bevor er sich dem Rest zuwandte. Die Kapitäne wa- ren begeistert: „Als ich ihnen den ‚Nel- son Touch‘ erklärte, war es wie ein elek- trischer Schock“, schrieb Nelson an Em- ma Hamilton.
Mit diesem genialen Plan hatte Nelson ein für alle Mal die engen Doktrinen der Seekriegsführung des 18. Jahrhunderts überwunden. Zugleich gelang es ihm durch sein Charisma, aus seiner Flotte ei- ne perfekte Waffe zu formen. Weil seine Offiziere genau wussten, was Nelson be-
Die Schlacht von Trafalgar nach einem Gemälde (1806) von William Turner
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