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Geschichte
absichtigte, konnten sie alle nach einem gemeinsamen Plan handeln und siegen. Die Erfolge seiner neuen Form der Men- schenführung waren spektakulär. Ein Zeit- genosse brachte es auf den Punkt: Eine Flotte unter Nelsons Kommando glich ei- ner Flotte, die ausschließlich mit Nelsons bemannt war.
Am 11. Oktober 1805 erreichte Villeneuve die Nachricht, dass Admiral Rosily ihn ab- lösen sollte. Diese Vorstellung war für Ville- neuve unerträglich. Noch am gleichen Tag schrieb er an den französischen Marinemi- nister Decrès: „Ich werde morgen auslaufen, sofern es die Umstände erlauben.“ Doch erst am Morgen des 20. Oktober 1805 stach Villeneuve mit 33 spanischen und französi- schen Linienschiffen in See. Einen Tag spä- ter kam es bei Kap Trafalgar vor der spani- schen Atlantikküste zur Schlacht.
Am 21. Oktober 1805 kurz nach sechs Uhr morgens begann Nelson, seinen Schlachtplan in die Tat umzusetzen und befahl seinen 27 Linienschiffen, zwei Ko- lonnen zu bilden. Nelsons letzte Gedan- ken vor der Schlacht galten Emma und Horatia. Aus Furcht, seine Tochter könnte nach seinem Tod unversorgt zurückblei- ben, hatte er Horatia bereits zu einem frü- heren Zeitpunkt in seinem Testament be- dacht. Doch er wollte auch für Emma sor- gen. Als es gegen 11 Uhr morgens schien, dass die Schlacht innerhalb der nächsten Stunde beginnen würde, zog sich Nelson noch einmal in seine Kajüte zurück und verfasste eine Ergänzung seines Testa- ments, in der er das Schicksal seiner ge- liebten Emma seinem Land anvertraute. Als Nelson schließlich an Deck zurück- kehrte, wurde ihm gemeldet, dass Kap Trafalgar in Sicht sei. Dann sagte er: „Jetzt werde ich die Flotte mit einem Si- gnal erfreuen.“ Fünf Minuten nach halb zwölf stiegen die Flaggen an der Rah em- por, die den britischen Schiffen die be- rühmt gewordenen Worte verkündeten: „England expects that every man will do his duty“ – „England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut“.
Kurz vor 12 Uhr war der lang erwarte- te Moment gekommen: Während Nel- sons Luv-Kolonne noch auf den Feind zu- hielt, begann die Lee-Kolonne unter dem Kommando seines Stellvertreters Cuth- bert Collingwood das Gefecht mit der feindlichen Nachhut. Mit seinem Flagg- schiff, dem Dreidecker rOyal sOvereign, stieß Admiral Collingwood hinter dem Heck der spanischen santa ana durch die feindliche Linie. Donnernd entluden
sich die britischen Geschütze in einer ver- nichtenden Breitseite. Ungehindert feg- ten die Kugeln über die ganze Länge des spanischen Schiffs und töteten oder ver- wundeten unzählige Männer.
Eine halbe Stunde später griff auch Nel- sons viCtOry in den Kampf ein. Als der mächtige Dreidecker das Heck von Vil- leneuves Flaggschiff BuCentaure kreuz- te, feuerten ihre Backbordgeschütze ei- ne Breitseite in das Heck des französi- schen 80-Kanonen-Zweideckers. Das Re- sultat war vernichtend: Bereits kurz nach Beginn des Gefechts war das feindliche Flaggschiff derart zusammengeschos- sen, dass es in der Schlacht keine Rolle mehr spielte. Kurz darauf legte sich die viCtOry neben das mit 74 Kanonen be- waffnete französische Linienschiff re- dOutaBle.
die weiß gescheuerten Decks der viC- tOry. „Es geht zu heiß her, als das es lan- ge dauern könnte“, bemerkte er zu Har- dy. Kurz darauf stellte dieser fest, dass Nelson nicht mehr an seiner Seite schritt. Ein Scharfschütze im Kreuzmast der re- dOutaBle hatte Nelson an seinem ordens- geschmückten Uniformrock erkannt und mit einem Musketenschuss tödlich ver- wundet. Nelson wusste, dass er sterben würde: „Hardy, sie haben mich endlich erwischt.“ Hardy entgegnete: „Ich hoffe nicht.“ Doch Nelson erwiderte nur: „Ja, sie haben mein Rückgrat durchschos- sen“. Hardy befahl, Nelson ins Lazarett zu bringen, das sich unterhalb der Was- serlinie befand. Doch auch der Todes- schütze sollte sein Opfer nicht überle- ben. Zwei Midshipmen auf dem Achter- deck der viCtOry rächten ihren Admiral,
Am 21. Oktober 1805 wird Lord Nelson tödlich verwundet
Nach und nach kamen nun auch die übri- gen Schiffe der britischen Luvkolonne ins Gefecht. Nelsons Plan war aufgegangen: Infolge der Konzentration ihrer Kräfte be- saßen die Briten an den entscheidenden Stellen ein Übergewicht an Schiffen. Da- mit hatte Nelson seine Aufgabe erfüllt; zu führen gab es für ihn jetzt nichts mehr. Nachdem die Schlacht Nelsons Kontrol- le entglitten war und sich in ein wüstes Chaos wild aufeinander feuernder Schiffe verwandelt hatte, schlenderte der Admi- ral mit Kapitän Thomas Hardy, dem Kom- mandanten der viCtOry, auf dem Ach- terdeck seines Flaggschiffs auf und ab. Von allen Seiten krachten die Kanonen- kugeln in das Schiff, Blut strömte über
indem sie den Scharfschützen im Kreuz- mast der redOutaBle mit Musketen er- schossen.
Das Bild glich einem Inferno. Rundher- um war das Meer von Schiffen bedeckt, die, in wütende Zweikämpfe verbissen, aus allen Rohren feuerten. Den britischen Geschützmannschaften erschien das Kampfgetümmel wie ein Vorgeschmack auf die Hölle: „Oft konnten wir wegen des Pulverqualms während der Schlacht nicht sehen, ob wir auf Freund oder Feind schossen und das Getöse der Kanonen hatte uns völlig taub gemacht“, berich- tete ein britischer Seemann. Die Spanier und Franzosen kämpften mit einer Kalt- blütigkeit, die den Briten Bewunderung
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Foto: Gemälde: Denis Dighton/Wikimedia


































































































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