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Geschichte
Nelsons Flaggschiff Victory um 1900 in Portsmouth
zeichen des Kummers den Kopf schüttel- ten.“ In der Krypta der St. Pauls-Kathe- drale fand Nelson seine letzte Ruhe. Un- ter den Trauergästen war auch Admiral Villeneuve. Wenig später kehrte er nach Frankreich zurück, wo er am 22. April 1806 in seinem Hotelzimmer in Rennes tot aufgefunden wurde. Ob Villeneuve Selbstmord beging oder ob er im Auf- trag Napoleons ermordet wurde, ist bis heute ungeklärt.
Nelsons Sieg bei Trafalgar sicherte der britischen Flotte für ein Jahrhundert die Herrschaft über die Weltmeere. Um den Preis seines Lebens war es ihm gelun- gen, Napoleons Invasionspläne ein für alle Mal zu vereiteln. Obwohl Napoleon fast ganz Europa unterwerfen konnte, war er fortan außerstande, seinen ärgs- ten Feind direkt anzugreifen. Auch seine Versuche, Großbritannien indirekt in die Knie zu zwingen, blieben letztlich erfolg- los. England dagegen konnte Napoleons Gegner zu einer Allianz zusammenführen und den Kaiser der Franzosen schließlich besiegen. 1815 endete der Krieg mit der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo. 1821 starb der ehemalige Kai- ser der Franzosen im englischen Exil auf der Insel St. Helena.
Bis heute ist Nelson unvergessen. Den- noch, er war kein Held ohne Fehl und Tadel, sondern ein Mensch mit einem höchst widersprüchlichen Charak- ter. Lord Minto, der zu seinen engsten Freunden zählte, bemerkte einmal tref- fend, Nelson sei „in mancher Hinsicht ein großer Mann, in anderer ein Klein- kind“ gewesen. Genauso berühmt wie für seine militärischen Leistungen wur- de er durch seine skandalöse Affäre mit Emma Hamilton, der Gattin des engli- schen Gesandten in Neapel. Doch ge- rade dieser Skandal verlieh ihm, ebenso wie seine Ruhmsucht und seine Eitelkeit, ein menschliches Antlitz.
Alljährlich gedenkt die Britische Mari- ne ihres größten Helden. An jedem 21. Oktober, dem „Trafalgar Day”, findet auf den Schiffen der Royal Navy ein Dinner zu Ehren Nelsons und der Männer, die an seiner Seite kämpften, statt. Nach dem traditionellen Toast auf ihre Majestät die Königin folgt ein Trinkspruch, der die tie- fe Verehrung, die Nelson auch 200 Jahre nach seinem Tod noch genießt, auf den Punkt bringt: „The Immortal Memory“ (In ewigem Andenken). In der Erinnerung der Briten ist Horatio Nelson unsterblich geworden. 7
abnötigte, wie Kapitän Henry Blackwood von der Fregatte euryalus bemerkte: „Sie fochten in einer Weise, die ihnen Ehre machte.“
Kurz nach 14 Uhr, nur zwei Stunden nach dem Beginn des Kampfes, war die Schlacht so gut wie entschieden. Die ver- einigte Flotte war in zwei Teile zerspal- ten, das Zentrum geschlagen und acht französische und spanische Schiffe hat- ten bereits ihre Flagge gestrichen, da- runter auch Villeneuves Flaggschiff Bu- Centaure. In der Nachhut wurde dagegen noch heftig gekämpft.
Eine Stunde später hatte Collingwood gleichfalls den Kampf für sich entschie- den. Hardy eilte unter Deck, um sei- nem sterbenden Freund die Sieges- nachricht zu überbringen. „Ich hoffe, Har- dy, dass keines unserer Schiffe die Flag- ge gestrichen hat“, bemerkte Nelson, wo- rauf ihn Hardy mit den Worten beruhig- te: „Nein, mein Lord, das wird nie gesche- hen.“ Dann musste Hardy wieder an Deck zurückkehren.
Wenig später ging Hardy wieder unter Deck, um Nelson zu melden, dass 14 oder 15 feindliche Schiffe die Flagge gestrichen hatten. „Das ist gut“, wisperte Nelson mit ersterbender Stimme, „aber ich hatte auf 20 gehofft.“ Immer schwächer werdend, bat er Hardy, ihn zum Abschied zu küssen.
Dann sagte er: „Gott sei Dank, ich habe meine Pflicht getan, Gott und mein Va- terland.“ Wenig später starb Nelson. Das Logbuch der viCtOry hielt dieses Ereignis in der trockenen Sprache der Marine fest: „Vereinzeltes Feuer bis 4 Uhr 30, als der Höchst Ehrenwerte Lord Viscount Nelson, Ritter des Bathordens und Oberbefehls- haber, an seiner Wunde verstarb, nach- dem ihm ein Sieg mitgeteilt worden war.“ Die Schlacht von Trafalgar war geschla- gen. Das Meer war bedeckt von zerschla- genen Schiffen, Wrackteilen und den Lei- chen der Gefallenen, die man in der Hitze des Gefechtes einfach über Bord gewor- fen hatte. 18 Schiffe der vereinigten Flot- te waren erobert oder zerstört worden. Dagegen hatten die Briten kein einziges Schiff eingebüßt, obwohl einige schwer beschädigt waren.
Am Donnerstag, den 9. Januar 1806 wur- de Nelson mit großem Pomp zu Grabe getragen. Zehntausende von Zuschau- ern säumten den Weg, um ihrem Helden das letzte Geleit zu geben. Tief bewegt schrieb der Schiffsgeistliche der viCtO- ry, Dr. Alexander Scott, an Nelsons Ge- liebte Emma, der die Teilnahme an dem Staatsbegräbnis untersagt worden war: „Selbst die Bettler verließen ihre Plätze ... Ich sah viele, die zerlumpt waren und an Krücken gingen und mit deutlichen An-
46 Leinen los! 10/2020
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