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Die Überraschung zeichnete sich schon unmittelbar nach der gro- ßen Parade der Russischen Marine am
26. Juli ab. Das große Atom-U-Boot (ato- marer Unterwasserkreuzer) Orel verließ nach nur einer Woche die Ostsee auf di- rektem Weg. Dem großen U-Boot folg- te innerhalb weniger Tage fast der kom- plette Kern der Baltischen Flotte. Zwi- schen dem 6. und 12. August passierten mehrere Verbände den Großen Belt und den Öresund. Die koordinierte Verle- gung ist Teil des Seemanövers Ocean Shield 2020, heißt es in der Pressemit- teilung der Russischen Marine. „Mehr als 30 Einheiten befanden sich seit dem 3. August in See. Ein großer Teil davon hatte Kurs auf die Nordsee genommen.“ Am 8. August teilte die Dänische Mari- ne auf Twitter mit, dass Fregatten und andere Schiffe durch den großen Belt zu einer Übung in den Nordatlantik un- terwegs seien.
Der größte Verband bestand aus den drei Korvetten stOiKiy, BOiKiy und ste- reguChshy. Er passierte am 6. August den Fehmarn- und den Großen Belt. Ihm folgten einen Tag später die Lan- dungsschiffe Kaliningrad, KOrOlev und MinsK. Ein weiterer Konvoi umfasste die Kleinen Raketenschiffe MytishChiy, sO- vetsK und serPuKOv. Als Hilfsschiffe wur- den der Tanker yelnya, der Schlepper nina sOKOlOva und das Aufklärungs- schiff vasiliy tatisChevO ins Skagerrak geschickt.
Zur Beobachtung hatte die Deutsche Marine das Aufklärungsschiff Oste im Einsatz. Die Dänische Marine war mit vier Patrouillenbooten der diana-Klas- se aktiv. Schweden hatte eine Korvette der visBy-Klasse im Einsatz,
Die in Eckernförde stationierte Oste be- gleitete die russischen Fregatten durch den Großen Belt. Die Beobachtung ver- lief problemlos. „Es gab in den vergan-
genen Tagen keine gefährlichen Annä- herungen in Bezug auf Ocean Shield 2020“, teilte ein Sprecher der Marine aus dem Marinekommando mit.
Der Einsatz der Oste ist Teil der Kernauf- gaben der Marine. Das seien zum Bei- spiel Aufklärung und Kampf im elektro- magnetischen Spektrum, so der Marine- sprecher. Das gesteigerte Interesse ist auf verschiedene Neuerungen bei den russischen Kriegsschiffen zurückzufüh- ren. Auch das Manöver-Drehbuch hat sich geändert. In den vergangenen Jah-
RFS VAsiliy tAtiscHeVo bei Ocean Shield 2020
heitspolitik der Uni Kiel. Diese Steige- rung der Aktivitäten hat auch Reaktio- nen seitens der Nato ausgelöst. Die Na- to versuche jetzt, dieses Seegebiet und die damit verbundenen Aufgaben wie- der für sich zu erschließen. „25 Jahre lang hat man sich anderen Gebieten und Einsätzen gewidmet. Der Atlantik wird zu einem Meer der strategischen Kon- kurrenz. Das sollte auch in Deutschland aufmerksamer verfolgt werden“, ver- merkt Bruns. Der Einsatz der Oste zur Beschattung und Aufklärung der russi-
Navy News
Verändertes Manöver-Drehbuch Russland übt Ocean Shield 2020 auf Nord- und Ostsee
Frank Behling
Die Russische Marine hat im August ihr traditionelles Sommermanöver durchgeführt. In diesem Jahr bekam das Manöver Ocean Shield jedoch einen neuen Schwerpunkt. Statt in der zentralen Ostsee übten die russischen Einheiten diesmal im Skagerrak und der zentralen Nordsee.
ren spielte das Manöver überwiegend in der Ostsee bei Gotland und in der Dan- ziger Bucht, dieses Mal ist der Nordat- lantik Kerngebiet. Die Verlagerung star- ker Marineverbände aus der Ostsee her- aus ist in diesem Jahr ein neuer Übungs- inhalt für das Manöver Ocean Shield. „Die Russische Marine ist in den ver- gangenen Jahren sichtlich ambitio- nierter geworden, was den Nordatlan- tik angeht“, erläutert Sebastian Bruns, Leiter der Abteilung Maritime Strategie und Sicherheit des Instituts für Sicher-
schen Einheiten ist dabei ein übliches Verfahren. „Die Aufklärung von Schiffen dritter Nationen gehört zum täglichen Geschäft. Gerade in der Ostsee fällt der Deutschen Marine eine herausragende Verantwortung zu. Ihre Aufklärungser- gebnisse sind dann auf dem ‚Nato-Ba- sar‘ einiges wert, wenn es um Informa- tionsaustausch geht“, so Bruns.
Die Nato hat bereits reagiert. Der Ein- satzverband SNMG 1 mit dem Flagg- schiff COrte real ist aus dem Nordat- lantik in die Ostsee verlegt worden. 7
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Foto: Naval Press/Michael Nitz