Page 28 - Die Seuche
P. 28

13. Blutende Stadt
















               Rosa Nebel. So fein waren die Blutstropfen, die um den Stumpf flimmerten, woran wenige
               Augenblicke vorher noch ein starker Waffenarm hing. Der Jomswikinger brüllte
               wutentbrannt, man merkte ihm den Schmerz nicht an, da war nur blinder Zorn in seinen
               aufgerissenen Augen. Seine linke Hand fasste den bemalten Rundschild fester und schnellte
               mit voller Wucht nach vorn. Der junge Soldat in der Jarikswall Rüstung taumelte zurück, das
               jugendhafte Gesicht wirkte angstverzerrt. Mit solch einer Rage war er noch nie konfrontiert
               gewesen, dies war sein erster Kampf auf einem Schlachtfeld und dann musste er
               ausgerechnet solch einer Bestie gegenübertreten. Die Schwertscheide unsicher vor sich
               haltend sah er sich um. Der Kristallplatz wurde vollständig von den Kämpfen eingenommen,
               der weiße Marmor Brunnen spieh rotes trübes Wasser aus, Tote trieben darin mit entsetzten
               Gesichtern. Der schwebende Kristall, der dem Platz den markanten Namen verlieh, vibrierte
               jedes Mal bedrohlich, wenn die stählerne Pfeilspitze eines Querschlägers dagegen
               donnerte. Zumindest konnte der Soldat keine Zivilisten ausmachen, es war genug, dass sich
               das Militär gegenseitig zerfleischte. Osbarns Rebellion, hauptsächlich Soldaten aus dem
               untersten Vierteln, die Männer aus der Dämmerschwinge und die Jomswikinger auf der
               einen Seite, die loyalen Truppen unter Hem Graugrund, die Palastgardisten, Unterstützung
               der Nebelinseln und die Elfen der Mirilan auf der anderen. Welche Armee auch diesen
               Bürgerkrieg gewinnen sollte, es wurde so oder so zu viel Jarikswaller Blut vergossen. Ein
               Beil spaltete die Stirn des jungen Soldaten, der augenblicklich vornüber fiel. “Augen immer
               beim Gegner lassen, Welpe”, spottete sein Gegner, der vom Schild auf die Axt mit der
               Linken gewechselt war. Sein höhnisches Grinsen wandelte sich innerhalb eines
               Sekundenbruchteils in einen erstickten Schrei, die Reißzähne eines Knochenbeißers
               versanken tief in seinem Schritt. Das massige Tier riss seinen breiten Schädel hin und her,
               zog das Fleisch bis zu den Eingeweiden aus dem Mann heraus. Ohne einen Mucks sackte
               er zusammen, der Kriegshund zerrte unbeeindruckt weiter an seiner mittlerweile toten
               Beute.
               Die leichten Schritte eines elfischen Kriegers huschten an ihm vorbei, dabei schnitt er mit
               geschmeidigen Bewegungen seiner scharfen Klinge des Langschwertes einigen Rebellen
               den Kopf vom Haupt, bevor sie ihn überhaupt hinter sich bemerkten. Sein langer Zopf
               wirbelte hinter ihm her, als er elegant auf dem Vorsprung über dem Schlund landete. Schnell
               ließ er das Schwert in der Scheide verschwinden und holte den Bogen vom Rücken. In
               wenigen Sekunden war der erste Pfeil bereits gespannt, und gerade als er das  Projektil auf
               seinen tödlichen Flug schicken wollte, traf ihn der schwere Stiefel Osbarns. Er spürte das
               Knacken seines Sprunggelenks, als würden die Knochen in tausende kleine Splitte zerfallen,
               die sich augenblicklich durch das Fleisch bohrten. Ein Schwertknauf prallte in seinem
               Gesicht in einer Explosion aus stechenden Schmerz auf, ehe sich der Körper des Elfen auf
               den langen Weg nach unten machte. Es vergingen genug Sekunden, um seine Gedanken
   23   24   25   26   27   28   29   30   31   32   33