Page 375 - Philosophie und Politik: Staatstheorien von Platon, Cicero, Machiavelli und Thomas Morus (Vollständige deutsche Ausgaben)
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wie ein Schwan bei der Wahl in das Leben eines Menschen sich
verwandelte und ebenso, wie sich erwarten läßt, auch andere
musikliebende Thiere; eine andere Seele aber habe, nachdem sie das
Loos getroffen, daß Leben eines Löwen gewählt, es sei aber dieß jene
des Telamoniers Ajas gewesen, welche es vermied, ein Mensch zu
werden, indem sie jenes Urtheilspruches bei der Waffenvertheilung
gedachteS. Odyssee XI, V. 545 ff. Daß eine Folge der Kränkung, welche
hiebei Ajas erfuhr, der Wahnsinn desselben gewesen sei, ist dem Leser
aus dem sophokleischen »Ajas« bekannt.; hierauf habe jene des
Agamemnon gewählt, aus Feindschaft aber gegen das
Menschengeschlecht habe auch diese wegen dessen, was sie erduldet
hatte, das Leben eines Adlers eingetauschtDie Ermordung des
Agamemnon durch seine Gattin Klytämnestra und überhaupt die
Schicksale des Atridenhauses sind Jedermann aus den Tragikern
hinreichend bekannt.; ungefähr in der Mitte der Uebrigen aber habe die
Seele der AtalanteDie langbeinige Atalante erscheint im Mythus als eine
Begleiterin der Artemis und insbesondere als Theilnehmerin an der
Kalydonischen Jagd; bekannt ist die Erzählung, daß ihre Freier sich
einem Wettlaufe mit ihr unterwerfen mußten, wobei sie die Besiegten
tötete, Milanio aber durch Hülfe goldener Aepfel, welche er auf die Bahn
warf und sie hiedurch veranlaßte, dieselben aufzuheben, den Sieg über
sie davon trug. das Loos getroffen, und dieselbe habe, da sie große Ehren
eines im Wettkampfe siegenden Mannes erblickte, nicht vorübergehen
können, sondern dieses Leben gewählt; hernach aber habe er gesehen,
wie die Seele des Epeios, des Sohnes des PanopeusDer Erfinder und
Erbauer des hölzernen Pferdes vor Troja; s. Odyssee VIII, V. 493., in die
Natur eines kunstreichen Weibes sich begab; weit zurück aber unter den
Letzten habe die Seele des lachenerregenden ThersitesS. Ilias II, V. 243–
277. das Leben eines Affen angenommen; zufällig aber habe das Loos
von allen Seelen zuletzt die des Odysseus getroffen, um zum Wählen
sich zu begeben; in Erinnerung aber an die früheren Leiden sei seine
Seele vom Ehrgeize abgestanden und habe lange Zeit umhergehend das
Leben eines zurückgezogenen geschäftslosen Mannes gesucht und mit
Mühe habe sie es irgendwo liegend und von allen Uebrigen bei Seite
gesetzt gefunden und, als sie es erblickt, habe sie gesagt, daß sie das
Nemliche auch dann gethan hätte, wenn das Loos sie als erste getroffen
hätte, und vergnügt habe sie es gewählt. Und auch anderweitig unter den
Thieren seien einige in Menschen und gegenseitig unter sich in Thiere
eingegangen, die ungerechten in wilde, die gerechten aber in zahme sich
verwandelnd, und in allen möglichen Mischungen hätten sie sich
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