Page 211 - Soziale Beziehungen, unter die Lupe genommen! 2019
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für elterliche Bevormundung. Im Grundschulalter drehen
sich die Streitigkeiten meist um die Privatsphäre und
materielle Dinge. Das Eindringen in den persönlichen
Raum eines Kindes wird zu einem immer heikleren
Thema, bietet aber auf der anderen Seite auch viele Ge-
legenheiten, sich in Verhandlungsgeschick zu üben.
Gegen Ende der Kindheit und in der Pubertät neigen
Kinder dazu, ihre jüngeren Geschwister zu dominieren,
und möchten auf sie aufpassen. Wenn diese dann selbst
in die Pubertät kommen, wird die Beziehung gleichbe-
rechtigter. Ein älteres Kind, dem zuviel Verantwortung
für seine jüngeren Geschwister aufgebürdet wird, be-
zeichnet man als »verelterlichtes Kind«. Es verliert sei-
nen Status als Kind und verpasst wichtige Erfahrungen.
Erwachsenen erscheint ein solches Kind reif und ve-
rantwortungsbewusst, denn die Defizite seiner Rolle zei-
gen sich oft erst viel später.
GESCHWISTERBEZIEHUNGEN
IM ERWACHSENENALTER
In der Kindheit gewinnen Geschwister gegenseitig
psychologische Einblicke, die oft ein Leben lang anhal-
ten. Auch wenn sie keinen engen Kontakt pflegen, erhal-
ten sie sich bisweilen doch die Fähigkeit, im anderen zu
»lesen«, wenn sie sich dann treffen. Das erklärt viel-
leicht, warum Geschwister ihre Beziehungen als eng be-
zeichnen, auch wenn sie weit voneinander entfernt woh-
nen.
Die Vorbildfunktion lässt nach, wenn die Geschwister
in die Pubertät kommen und erwachsen werden. Jedes
Individuum entwickelt seinen eigenen Identitätssinn und
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