Page 21 - Grete Minde
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hinausgetragen hatten, ging Grete gen Sankt Stephan, um seiner an seinem Grabe zu
gedenken.
Es war ein schöner Oktobertag, und die Kastanien lagen ausgestreut umher. Grete setzte
sich auf den Hügel, und das Bild des geliebten Toten stand wieder vor ihrer Seele, blaß
und freundlich, und sie hing ihm noch in süßer Trauer nach, als sie sich plötzlich bei
Namen gerufen hörte. Sie sah auf und erkannte Valtin. Er hatte sie das Haus verlassen
sehen und war ihr nachgegangen.
»Wie geht es?« fragte Grete.
Valtin antwortete nicht gleich. Endlich sagte er: »Ich mag nicht klagen, Grete, denn dein
eigen Herz ist voll. Aber das muß wahr sein, Emrentz ist wie vertauscht und hat was
gegen mich. Und erst seit kurzem. Denn, wie du weißt, ich hatt es nicht gut und hatt es
nicht schlecht. So hab ich dir oft gesagt, und so war es. Aber seit ihr das Kleine habt, ist es
anders. Und jeden Tag wird es schlimmer. Es ist ordentlich, als ob sie's der Trud nicht
gönnte. Was meinst du?«
Grete schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es nicht. Ich weiß aber, was es ist, und Trud ist
wieder schuld. Sie verredet dich bei der Emrentz. Das ist es.«
»Verredet mich? Ei, da laß doch hören«, sagte Valtin.
»Ja, verredet dich. Ich weiß es von der Regine. Die war in der Hinterstub oben und wiegte
das Kind, als sie beid am Fenster saßen. Und da hörte sie dein Lob aus der Emrentz
Mund, und wie sie sagte: ›Du seist ein guter Jung und machtest ihr das Leben nicht
schwer, was du doch könntest, denn sie sei ja noch jung und deine Stief.‹ Aber das mißfiel
unsrer Trud, und sie nahm ihren spöttischen Ton an und fragte nur: ob sie denn blind sei.
Und ob sie nicht säh, wie dir der Schalk im Nacken säße. Du lachtest ja über sie.«
Valtins Augen waren immer größer geworden, aber Grete sah es nicht und fuhr
unverändert fort: »Und das glaube nur, Regine hört und sieht alles. Und sie sah auch, wie
sich Emrentz verfärbte, erst rot und dann erdfahl im ganzen Gesicht. Und so bitterbös.
Und dann hörte sie, wie sie der Trud zuflüsterte: ›Ich danke dir, Trud, und ich will nun ein
Auge darauf haben.‹«
»Also daher!« sagte Valtin. »Aber gut, daß ich es weiß. Ich will sie zur Rede stellen, eure
Trud, wenn ich ihr auf Flur oder Treppe begegne. Mich verreden. Das ist schlecht.«
»Und unwahr dazu.«
Valtin schwieg eine Weile. Dann nahm er Gretens Hand und sagte beinahe kleinlaut:
»Nein, unwahr eigentlich nicht. Es ist wahr, ich habe mich abgewandt und hab auch
gelacht. Aber ich tat's nicht in Bösem und wollt ihr nicht wehe tun. Und das weiß die Trud
auch. Und sie weiß auch, daß ich der Emrentz nicht gram bin, nein, ganz und gar nicht,
und daß ich mich eigentlich freue, daß er sie gern hat, wenn ich auch so manchmal meine
Gedanken darüber habe. Denn er ist ein andrer Mann geworden, und unser Haus ist ein
ander Haus worden als vordem; und das alles dank ich ihr. Eine Stief ist freilich eine Stief,
gewiß, das bleibt, und wenn ich da bin, ist es gut, und wenn ich nicht da bin, ist es noch
besser; ich weiß es wohl, und es geht ihr nichts zu Herzen, wenn's nicht eine neue Mod
oder ein Putz oder eine Gasterei ist; aber eigentlich hab ich sie doch gern, und weißt du,
Gret, ich werde mit ihr sprechen und nicht mit der Trud. Ich bin jetzt achtzehn, und mit
achtzehn, da darf man's. Und ich wette, sie nimmt's gut auf und gibt mir einen Kuß und ruft
den Vater und erzählt ihm alles und sagt ihm alles und sagt ihm auch, daß er schuld sei,
ja er, er, und daß sie mich heiraten wolle, nächstens schon, wenn er nicht anders würde,
ganz anders. Und dann lacht er immer, weil er es gern hört. Aber sie sagt es noch lieber.«