Page 23 - Grete Minde
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Neuntes Kapitel

                                                      Auf der Burg
            Sie hielten Wort, und eine Woche später, während welcher Grete mehr als seit lang unter
            Truds Launen und einem Rückfall in ihre frühere Strenge gelitten hatte, trafen sie sich
            nachmittags auf dem Kirchhof und gingen durch Tor und Vorstadt erst bis an die »Freiheit«
            und dann auf einem ansteigenden Schlängelwege bis zur Burg selbst hinauf. Hier, auf
            dem   großen  Außenhof,   der   zugleich   als   Wirtschaftshof   diente,   war   ein   buntes   und
            bewegtes Leben: im Taktschlag klang es von der Tenne her, die Scheunentore standen
            offen, und die Mädchen, die beim Flachsbrechen waren, sangen über den Hof hin:
             »Es waren zwei Königskinder,
             Die hatten einander so lieb,
             Sie konnten zusammen nicht kommen,
             Das Wasser war viel zu tief.

             ›Ach Liebster, könntest du schwimmen,
             So schwimme doch her zu mir...‹«


            Es klang so traurig. Aber die Gesichter der Mädchen lachten dabei.
            »Hörst du«, sagte Valtin, »das gilt uns. Sieh nur die Hübsche mit dem Flachskopf. Sieht
            sie nicht aus, als könnte sie sich ihr Brauthemd von ihrem eignen Wocken spinnen?«
            Grete schwieg. Ihr war so weh. Endlich sagte sie: »Laß uns gehen, Valtin. Ich weiß nicht,
            was es ist. Aber das fühl ich, daß ich hier auch stehen und die Hände fleißig rühren und
            singen möcht. Sieh nur, wie die Spreu von der Tenne fliegt. Es ist alles so frei und luftig
            hier, und wenn ich hier mitstünd, ich glaube, da verwehte manches, was mich quält und
            drückt.«

            Valtin suchte nach einem Trosteswort, und sie schritten, als er sie wieder beruhigt, über
            einen wüsten Grasplatz, auf einen aufgemauerten und halbausgetrockneten Graben zu,
            der   den   großen,   äußeren   Burghof   von   dem   kleinen,   inneren   trennte.   Eine   schmale
            Zugbrücke führte hinüber, und sie passierten sie. Drinnen war alles still: der Efeu wuchs
            hoch am Gemäuer auf, und in der Mitte stand ein alter Nußbaum, dessen weites Geäst
            den halben Hofraum überdachte. Und um den ausgehöhlten Stamm her war eine Bank.
            Grete wollte sich setzen; Valtin aber nahm ihre Hand und sagte: »Nicht hier, Grete; es ist
            zu   stickig   hier.«   Und   damit   gingen   sie   weiter,   bis   an   den   Fuß   eines   steilen,   in   die
            Rasenbettung eingeschnittenen Treppchens, das oben auf einen breiten, von zwei Türmen
            flankierten Wallgang mündete. Zwischen diesen Türmen aber lief eine dicke, niedrige
            Feldsteinmauer, die nur um ein paar Fuß höher war als der Wallgang selbst. Und auf diese
            Mauer setzten sie sich und sahen in die Landschaft hinaus. Zu Füßen hatten sie den
            breiten Strom und die schmale Tanger, die spitzwinklig in den Strom einmündete, drüben
            aber, am andern Ufer, dehnten sich die Wiesen, und dahinter lag ein Schattenstrich, aus
            dessen   Lichtungen   hier   und   dort   eine   vom   Abendrot   übergoldete   Kirchturmspitze
            hervorblickte. Der Himmel blau, die Luft frisch; Sommerfäden zogen, und in das Geläut der
            ersten   heimwärtsziehenden   Herden   mischte   sich   von   weit   her   das  Anschlagen   der
            Abendglocke.
            »Ach, wie schön«, sagte Grete. »Jahr und Tag, daß ich nicht hier oben war. Und mir ist
            fast, als hätt ich es nie gesehen.«

            »Das macht, daß wir einen so schönen Tag haben«, sagte Valtin.
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