Page 28 - Grete Minde
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es drinnen, Trinkspruch reihte sich an Trinkspruch, und wenn dann von der großen
Empore herab, die zu Häupten des Kurfürsten aufragte, die Stadtpfeifer einfielen und die
Paukenwirbel über den Fluß hin und bis weit in die Landschaft rollten, dann hielt der
Fährmann sein Boot an, und die Koppelpferde horchten auf und sahen verwundert nach
der sonst so stillen Burg hinüber.
Zwölftes Kapitel
Am Wendenstein
Um eben diese Zeit saß Grete daheim in der Hinterstube des ersten Stocks. Truds letztes
Wort an sie war gewesen: »Hüte das Kind.« Und nun hütete sie's. Es lag in einer Wiege
von Rosenholz, ein Schleiertuch über dem Köpfchen, und durch Tür und Fenster, die
beide geöffnet waren, zog die Luft. Herabgelassene Vorhänge gaben Schatten, und nur
ein paar Fliegen tanzten um den Thymianbusch, der an der Decke des Zimmers hing. Es
regte sich nichts in dem weiten Hause.
Und doch war jemand eingetreten: Valtin. Er hatte die Haustür vorsichtig geöffnet, so daß
die Glocke keinen Ton gegeben, und sah sich nun auf dem halb im Dämmer liegenden
Flure neugierig um. Es war alles wie sonst: an dem vordersten Querbalken saßen die zwei
Schwalbennester, und in den Nischen standen die Schränke, erst die von Nußbaum, dann
die von Kienenholz, bis dicht an die Hoftür hin. Die Hoftür selbst aber stand auf; ein breiter
Lichtstreifen fiel ein, und auf dem sonnenbeschienenen Hofe saßen die Tauben und
spielten im Sand oder schritten gurrend, und dabei stolz und zierlich ihre Köpfe drehend,
an dem noch stolzeren Pfau vorüber. Und dahinter war das von Wein überwachsene
Gitter, von dem aus die sechs Treppenstufen niederführten, und durch die offenen Stellen
des Laubes hindurch sah man die Malvenkronen und die Strauchspitzen des tiefer
gelegenen Gartens. Alles märchenhaft und wie verwunschen, und leiser noch, als er in
das Haus eingetreten war, stieg er jetzt die Stiege hinauf, bis er an der Schwelle der
Hinterstube hielt. Es schien, daß Grete schlief, und einen Augenblick war er in Zweifel, ob
er bleiben oder wieder gehen solle. Aber zuletzt rief er ihren Namen, und sie sah lächelnd
auf. »Komm nur«, sagte sie, »ich schlafe nicht. Ich hüte ja das Kind. Willst du's sehen?«
»Nein«, sagte er, »laß es. Sehen wir's an, so wecken wir's, und ist es wach, so schreit es.
Und es soll nicht wach sein, und noch weniger soll es schreien, denn ich will dich abholen.
Alle Welt ist draußen auf der Burg, und du bist hier allein, als wärst du die Magd im Haus
oder die Kindermuhme. Komm, es sieht uns niemand. Wir gehen an den Gärten hin, und
die Stadtmauer gibt uns Schatten. Und sind wir erst oben, da tun wir, als fänden wir uns.
Sieh, ich bin so neugierig. Und du bist es auch, nicht wahr? Er ist ja doch eigentlich unser
Landesherr. Und am End ist es ein Unrecht, ihn nicht gesehen zu haben, wenn man ihn
schon sehen kann. Ich glaube, wir müssen ihn sehen, Grete. Was meinst du?«
Grete lachte. »Wie gut du die Worte stellen kannst. Sonst heißt es immer, Eva sei schuld;
aber heute nicht. Du beredst mich, und ich soll tun, was sie mir verboten.«
»Ach, wer?«
»Nun, du weißt es ja; Trud. Und da sitz ich nun hier und gehorche. Und dann ist das
Kleine...«
»Laß nur. Es schläft ja. Und Regine hütet es so gut wie du. Komm, und eh das Fest aus
ist, sind wir wieder da. Und du setzest dich an deinen alten Platz, und niemand weiß es.
Und die schlafenden Kinder haben ihren Engel.«