Page 30 - Grete Minde
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seines Vaters Pferde hüten. Aber er wollt es nicht und lief ihm fort, denn er wußt es
            bestimmt in seinem Herzen, daß er ein Geistlicher und ein frommer Mann werden müsse.
            Und er wurd es auch, und nun hütet er am selben Ort sein Amt und seine Gemeinde. Und
            sein Vater hat es noch erlebt.«

            »Aber,   Grete,   woher   weißt   du   nur   das   alles?   Die   Geschichte   von   der   großen
            Tangerschlacht und von dem Tangermünder Schatze, die weißt du nicht, und die von dem
            Fischbecker Pastor weißt du so genau!«

            Grete lachte. »Und weißt du, wie lang ich sie weiß? Seit gestern. Und weißt du von wem?
            Von Gigas.«

            »Das mußt du mir erzählen.«
            »Freilich. Das will ich auch. Aber da muß ich weit ausholen.«

            »Tu's nur. Wir haben ja Zeit.«
            »Nun, sieh, Valtin, du weißt, ich bin immer weit fort; weit fort in meinen Gedanken. Und du
            weißt auch, um deshalb halt ich's aus. Und immer abends, wenn ich mit der Regine bin,
            les ich von Kindern oder schönen Prinzessinen, die vor einem bösen König oder einer
            bösen Königin geflohen sind, und es gibt viele solche Geschichten, und nicht bloß in
            Märchenbüchern, viel, viel mehr, als du dir denken kannst, und mitunter ist es mir, als
            wären alle Menschen irgendeinmal ihrem Elend entlaufen.«

            Valtin schüttelte den Kopf.
            »Du schüttelst den Kopf. Und sieh, das tu ich auch. Oder doch von Zeit zu Zeit. Und so
            war es auch gestern, denn ich hatte wieder einen Traum gehabt, wieder von Flucht, und
            es war, als flög ich, und mir war im Fliegen so wohl und so leicht. Aber als ich aufwachte,
            war ich bedrückt und unruhig in meinem Gemüt. Und da dacht ich, das soll ein Ende
            haben: du wirst Gigas fragen, der soll dir sagen, ob es etwas Böses ist, zu fliehen. Und so
            ging ich zu ihm, gestern um die Mittagsstunde, trotzdem ich wohl gehört hatte, daß er
            selber in Sorg und Unruh sei.«

            »Und wie fandest du ihn?«
            »Ich fand ihn in seinem Garten zwischen den Beeten, und wir gingen auf und ab, wie er's
            gern tut, und sprachen vielerlei, und zuletzt auch von unserm Herrn Kurfürsten, der, wie
            wir   ja   schon   wußten,   eine   Nacht   und   einen  Tag   auf   seiner  Tangermünder   Burg   zu
            verbleiben gedenke. Und als ich sah, daß er sich in seinem Gewissen sorgte, gerade so,
            wie sich's Trud und Gerdt, als sie von ihm sprachen, in unsrem Hause schon zugeflüstert
            hatten, da faßt ich mir ein Herz und fragt ihn: was er wohl mein'. Ob Flucht allemalen ein
            bös und unrecht Ding sei. Oder ob es nicht auch ein rechtmäßig und zuständig Beginnen
            sein könne.«

            »Und was antwortete er dir?«
            »Er schwieg  eine  ganze  Weile. Als wir aber an die Bank  kamen, die  zu  Ende  des
            Mittelganges steht, sagte er: ›Setz dich, Gret. Und nun sage mir, wie kommst du zu
            solcher Frag?‹ Aber ich gab ihm keine Antwort und wiederholte nur alles und sah ihn fest
            dabei an. Und all das konnt ich, ohne mich ihm zu verraten, denn ich hatte wohl bemerkt,
            daß er an nichts als an den gnädigen und gestrengen Herrn Kurfürsten dachte, der
            genferisch geworden, und daß er immer nur alles Fährliche vor Augen sah, was ihm selber
            noch bevorstehen könne. Und endlich nahm er meine Hand und sagte: ›Ja, Grete, das ist
            eine schwere Frag, und ich denke, wir müssen zum ersten allemal beten, daß wir nicht in
            Versuchung fallen, und zum zweiten, daß uns die Gnade Gottes überall, wo wir zweifelhaft
            und unsicher in unsrem Gemüte sind, den rechten Weg finden lasse. Denn die richtigen
            Wege sind oft wechselvolle Wege, und wenn es heut unsre Pflicht ist, zu gehorchen und
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