Page 29 - Grete Minde
P. 29
»Nun gut, ich komm.« Und dabei rief sie nach der Regine, die neben dem Küchenherde
saß, und ehe noch der Pfau draußen auf dem Hofe gekreischt und sein Rad geschlagen
hatte, was er, wenn er Greten sah, immer zu tun pflegte, waren sie schon an ihm vorbei
und zur Gartenpforte hinaus und gingen im Schatten der Stadtmauer, ganz wie Valtin es
gewollt hatte, bis an das Wassertor und dann über die Tangerwiesen auf die Vorstadt zu.
Niemand begegnete ihnen hier; alles war wie ausgestorben; und erst als sie die »Freiheit«
passiert und den äußeren Burghof erreicht hatten, sahen sie, daß hier die kleinen Leute
samt ihrem Gesinde zu vielen Hunderten standen und den Raum bis an die Zugbrücke hin
so völlig füllten, daß an ein Hineinkommen in den inneren Burghof gar nicht zu denken
war.
Und so schlug Valtin vor, wieder hügelabwärts zu steigen und drüben auf den Elbwiesen
einen Spaziergang zu machen. Grete war es zufrieden, und erst als sie den Fährmann
angerufen und den Fluß gekreuzt hatten, wandten sie sich wieder, um nun unbehindert auf
die goldig im Scheine der Spätnachmittagssonne daliegende Burg zurückzusehen und in
die von drüben her herüberklingenden Lebehochs miteinzustimmen.
Aber bald waren sie's müd, und sie gingen tiefer in die hoch in Gras stehende, mit
Ranunkeln und rotem Ampfer übersäte Wiese hinein, bis sie zuletzt an einen niedrigen, mit
Werft und Weiden besetzten Erdwall kamen, der sich quer durch die weite
Wiesenlandschaft zog. Auf der Höhe dieses Walles lag ein Feldstein von absonderlicher
Form und so dicht mit Flechten überwachsen, daß sich ein paar halbverwitterte
Schriftzeichen daran nur mühsam erkennen ließen. Und auf diesen Feldstein setzten sie
sich.
»Was bedeutet der Stein?« fragte Grete.
»Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Wendengrab.«
»Wie denn?«
»Weißt du denn nicht? Dies ist ja das Feld, wo die große Tangerschlacht war. Heiden und
Christen. Und die Heiden siegten. Und zu beiden Seiten des Erdwalls, auf dem wir hier
sitzen, vor uns bis dicht an den Wald und hinter uns bis dicht an den Fluß, liegen sie zu
Tausenden.«
»Ich glaub es nicht. Und wenn auch, ich mag nicht davon hören. Auch nicht, wenn die
Christen gesiegt hätten... Aber sieh, wie schön.« Und dabei zeigte sie auf die vor ihnen
ausgebreitete Landschaft, die sie jetzt erst, von dem hochgelegenen Stein aus, mit ihrem
Blick umfassen konnten. Es war dasselbe Bild, das sie letzten Herbst schon von der Burg
und dem Gemäuer aus vor Augen gehabt hatten, nur die Dörfer, die damals mit nichts
andrem als ihren Kirchturmspitzen aus dem Schattenstriche des Waldes hervorgeblickt,
lagen heute klar und deutlich vor ihnen, und die Strohdächer mit ihren Storchennestern
ließen sich überall erkennen.
»Weißt du, wie die Dörfer heißen?« fragte Grete.
»Gewiß weiß ich's. Das hier rechts ist Buch, wo der Herr von Buch lebte, der einen Schatz
in unsrer Tangermünder Kirche viele Jahre lang verborgen hielt, um ihn zuletzt als
Lösegeld für seinen Herrn Markgrafen zu zahlen. Denn die Magdeburger hatten ihn
gefangengenommen. Und er hieß Markgraf Otto. Otto mit dem Pfeil. Ein schöner Herr und
sehr ritterlich und war ein Dichter und liebte die Frauen. Weißt du davon?«
»Nein... Aber hier das Dorf mit dem blanken Wetterhahn?«
»Das ist Fischbeck.«
»Ach, das kenn ich. Da wohnt ja der alte Pfarr... aber nun hab ich seinen Namen
vergessen. Oh, von dem weiß ich. Der war eines Fischbecker Bauern Sohn und sollte