Page 27 - Grete Minde
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großer Mißstimmung und der Gegenstand allerheftigster Angriffe von seiten der
tangermündischen Hitzköpfe geworden war. Und nun kam er selbst, und während viele der
nur zu begründeten Sorge lebten, um ihrer ungebührlichen und lästerlichen Rede willen
zur Rechenschaft gezogen zu werden, waren andere, ihres Glaubens und Gewissens
halber, in tiefer und ernster Bedrängnis. Unter ihnen Gigas. Und diese Bedrängnis wuchs
noch, als ihm am Nachmittage vorerwähnten Mittewochens durch einen Herrn vom Hofe
vermeidet wurde, daß Seine Kurfürstliche Durchlaucht um die siebente Morgenstunde zu
Sankt Stephan vorzusprechen und daselbst eine Frühpredigt zu hören gedächten. Wie
dem hohen Herrn begegnen? Dem Abtrünnigen, der vielleicht alles in Stadt und Land zu
Abfall und Untreue heranzwingen wollte! Und so mutig Gigas war, es kam ihm doch ein
Bangen und eine Schwachheit an. Aber er betete sich durch, und als der andre Morgen da
war, stieg er, ohne Menschenfurcht, die kleine Kanzeltreppe hinauf und predigte über das
Wort des Heilands: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.« Und
siehe da, die holzgeschnitzte Taube des Heiligen Geistes hatte nicht vergeblich über ihm
geschwebt, und der Herr Kurfürst, nachdem er entblößten Hauptes und »mit absonderer
Aufmerksamkeit« der Predigt gefolget war, hatte nach Schluß derselben ihm danken und
ihn zu weiterer Besprechung auf seine Burg entbieten lassen. Und hier nun, wie die
Chronisten melden, war Seine Kurfürstliche Durchlaucht dem festen und glaubenstreuen
Manne nicht nur um einen Schritt oder zwei zu freundlicher Begrüßung
entgegengegangen, sondern hatte demselben auch unter freiem Himmel, und in
Gegenwart vieler Herren vom Adel, an Eides Statt zugesichert: »daß er seine von Gott ihm
anbefohlenen Untertanen bei dem Worte Lutheri Augsburgischer Konfession belassen,
eines jeden Person auch in der Freiheit seines Glaubens und Gewissens schützen wolle,
in eben jener Freiheit, um derentwillen er für seine Person das Bekenntnis der beständig
hadernden Lutherischen abgetan und den reformierten Glauben angenommen habe«.
Und als diese zu größerem Teile trostreiche Rede, über deren schmerzlichen Ausklang
Gigas klug hinwegzuhören verstand, an Burgemeister und Rat überbracht worden war,
waren Peter Guntz und die Ratmannen, dazu die Geistlichen und Rectores aller fünf
Kirchen, auf der Burg erschienen, um, nach abgestattetem Dank und wiederholter
Versicherung unverbrüchlicher Treue, den Herrn Kurfürsten um die Gunst anzugehen, ihm
ein festlich Mahl herrichten zu dürfen. Aber in der Halle seiner eigenen Burg, dieweilen
ihre Rathaushalle zu klein sei, um die reiche Zahl der Gäste zu fassen. Und alles war
angenommen worden und hatte die Stadt um so mehr erfreut und beglückt, als bei
gnädiger Entlassung der Sprecher, unter denen sich auch Gerdt in vorderster Reihe
befunden, seitens Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht der Hoffnung Ausdruck gegeben
worden war, die sittigen und ehrbaren Frauen der Stadt auf seiner Burg mit erscheinen
und an dem Festmahle teilnehmen zu sehn.
Und nun war dieses Mahl, unter freundlichem Beistand aller Dienerschaften des hohen
Herrn, in kürzester Frist hergerichtet worden, und um die vierte Stunde bewegte sich der
Zug der Geladenen, Männer und Frauen, die Lange Straße hinab, zur Burg hinauf. Die
kleineren Bürgerfrauen aber, die von der Festlichkeit ausgeschlossen waren, sahen ihnen
neidisch und spöttisch nach, und nicht zum wenigsten, als Trud und Emrentz an ihnen
vorüberzogen. Denn beide waren absonderlich reich und prächtig gekleidet, in Ketten und
hohen Krausen, und Emrentz, aller Julihitze zum Trotz, hatte sich ihr mit Hermelinpelz
besetztes Mäntelchen nicht versagen können. Truds Kleid aber stand steif und feierlich um
sie her und bewegte sich kaum, als sie, zur Rechten ihrer Muhme, die Straße
hinunterschritt.
Und nun war alles oben, das Mahl begann, und die gotischen Fenster mit ihren kleinen,
buntglasigen und vielhundertfältig in Blei gefaßten Scheibchen standen nach Fluß und Hof
hin weit offen, und die Gäste, solang es drin ein Schweigen gab, hörten von den Zweigen
des draußenstehenden Nußbaums her das Jubilieren der Vögel. Aber nicht immer schwieg