Page 22 - Grete Minde
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Grete, die, während er sprach, eine Menge der umherliegenden Kastanien gesammelt und
            aufgezogen hatte, hing sie sich jetzt als Schnur um den Hals und sagte: »Wie kleidet es
            mir?«
            »Ach, dir kleidet alles. Du weißt es ja, und alle Leute wissen's. Und sie sagen auch, es sei
            hart, daß du dein Leben so vertrauern müßt. Immer so mit dem Kind...«
            Grete seufzte. »Freilich, es ist nichts Feins; aber bei Tag ist es ein Spielzeug, und dann
            sieh, dann gibt mir's auch zu lachen, wenn ich so seh, wie sie das Würmchen aufputzen
            und einen kleinen Prinzen aus ihm machen möchten. Denn du mußt wissen, es ist ein
            häßlich Kind, und alles an ihm hat eine falsche Stell und paßt nicht recht zusamm', und ich
            seh es in Gedanken schon groß, wie's dann auch so hin und her schlenkert, grad wie der
            Gerdt, und sitzt immer krumm und eingesunken und streckt die Beine weit, weit von sich.
            Ach, es hat schon jetzt so lange dünne Beinchen. Wie die Spinn an der Wand.«
            »Und Trud?« fragte Valtin.

            »Die sieht nur, daß es ein hübsches Kind ist, oder sie tut doch so. Und dann fragt sie mich:
            ›Nicht wahr, Gret, es sieht gut?‹ Und wenn ich dann schweig oder verlegen seh, dann
            redet sie auf mich ein, und dann heißt es: ›Sieh doch nur den Mund; ist er nicht klein? und
            hat auch nicht solchen Wulst. Und seine Augen stehen nicht so vor.‹ Aber es hilft nichts, es
            ist und bleibt der Gerdt, und ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.«
            Valtin schüttelte den Kopf und sagte: »Und das ist alles, was du hast?!«
            »Ja und nein. Und du mußt mich nicht bedauern. Denn ich habe ja noch die Regine, die
            mir von alten Zeiten erzählt, und ich habe Gigas, der mir seine Blumen zeigt. Und dann
            hab ich den Kirchhof. Und mitunter, wenn ich ein rechtes Glück hab, dann hab ich dich.«
            Er sah sie zärtlich an und sagte: »Du bist so gut und trägst alles und willst nichts.«

            Sie schüttelte den Kopf »Ich will eigentlich viel, Valtin.«
            »Ich glaub's nicht.«

            »Doch, doch. Denn sieh, Liebe will ich, und das ist viel. Und ich kann kein Unrecht sehn.
            Und wenn ich's seh, da gibt es mir einen Stich, hier gerad ins Herz, und ich möchte dann
            weinen und schrein.«

            »Das ist es ja, Grete. Darum bist du ja so gut.« Und er nahm ihre Hand und drückte sie
            und sagte ihr, wie lieb er sie habe. Und dann sprach er leiser und fragte sie, ob sie sich
            nicht öfter sehen könnten, so wie heut, und so ganz wie von ungefähr. Und dann nannt er
            ihr die Plätze, wo's am ehesten ginge. Hier der Kirchhof sei gut, aber eigentlich die Kirche
            drin, die sei noch besser. Am besten aber sei die Burg, da sei niemand und sei alles so
            schön und so still und der Blick so weit.

            Grete   war  es  zufrieden,  und   sie  sagten  einander  zu,  daß  sie, solange  die  schönen
            Herbstestage   dauerten,   sich   allwöchentlich   einmal   oben   auf   der   Burg   treffen   und
            miteinander   plaudern   wollten.   Und   als   sie   das   beschlossen,   hing   ihm   Grete   die
            Kastanienkette um, die sie bis dahin getragen, und sagte ihm, er sei nun ihr Ritter, der zu
            ihr halten und für sie fechten und sterben müsse. Und dabei lachten sie. Gleich danach
            aber   trennten   sie   sich   und   gingen   auf   verschiedenen   Wegen,   auf   daß   niemand   sie
            zusammen sähe, wieder in ihre Wohnung zurück.
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