Page 24 - Grete Minde
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»Nein, das macht, daß es hier so frisch und so weit ist, und zu Haus ist es so dumpf und
so eng. Da bin ich wie gefangen und eingemauert, eingemauert wie die Stendalsche
Nonne, von der mir Regine so oft erzählt hat.«
»Und du möchtest fort.«
»Lieber heut als morgen. Entsinnst du dich noch, Maifest vorm Jahr, als wir uns verirrt
hatten und auf den Hirsch warteten, der uns aus dem Walde hinaustragen sollte!«
Valtin nickte.
»Sieh, da sprachst du von einem Tal, das tief in Bergen läg, und der Sturm ginge drüber
hin, und wäre kein Krieg, und die Menschen liebten einander. Und ich weiß, daß ich das
Tal in Wachen und in Träumen sah. Viele Wochen lang. Und ich sehnte mich danach und
wollte hin. Aber heute will ich nur noch fort, nur noch weg aus unserm Haus. Wohin ist
gleich. Es schnürt mir die Brust zusammen, und ich habe keinen Atem mehr.«
»Aber du hast doch die Regine, Gret. Und Gigas ist gut mit dir. Und dann sieh, Emrentz
kann dich leiden. Ich weiß es; sie hat mir's selber gesagt, keine drei Tag erst, als ich mein
Aussprach mit ihr hatt. Und dann, Grete, du weißt ja, dann hast du mich.«
Sie blickte sich scheu-verlegen um. Und als sie sah, daß sie von niemand belauscht
wurden, trat sie rasch auf ihn zu, strich ihm das Haar aus der Stirn und sagte:
»Ja, dich hab ich. Und ohne dich wär ich schon tot.«
Valtin zitterte vor Bewegung. Er erkannte wohl, wie tiefunglücklich sie sei, und sagte nur:
»Was ist es, Grete? Sag es. Vielleicht, daß ich es mit dir tragen kann. Was drückt dich?«
»Das Leben.«
»Das Leben?« Und er sah sie vorwurfsvoll an.
»Nein, nein. Vergiß es. Nicht das Leben. Aber der Tag drückt mich; jeder; heute, morgen,
und der folgende wieder. Endlos, endlos. Und ist kein Trost und keine Hülfe.«
»Der Tag«, wiederholte Valtin vor sich hin, und es war, als überleg er's und mustre die
Reihe seiner eigenen Tage.
»Ja, der Tag«, fuhr Grete fort. »Und jede Stund ist lang wie das Jahr. Kaum daß ich den
Morgenschlaf aus den Augen hab, so heißt es: ›Das Kind, das Kind.‹ Und nun spring ich
auf und mache das Bad und mache den Brei. Und nun ist das Bad viel zu heiß und der
Brei viel zu kalt. Und dann wieder: ›Das Kind und das Kind.‹ Und an mir sehen sie vorbei,
als wär ich der Schatten an der Wand. Ach, ich weiß, es ist eine Sünd, aber ich muß mir's
heruntersprechen von der Seel, und wahr ist es und bleibt es, ich haß es. Und so kommt
Mittag, und wir sitzen an dem runden Tisch, und ich spreche das Gebet. Sprech es, und
niemand hört darauf. Und wenn ich das letzte Wort gesprochen, so heißt es: ›Grete, sieh,
ich glaub, es schreit.‹ Und dann bring ich es, und dann geht es reihum, und dann soll ich
essen mit dem Kind im Arm. Und wenn es hübsch wär. Aber es ist so häßlich und sieht
mich an, als erriet es all meine Gedanken. Ach, Valtin, das ist mein Tag und mein Nacht.
Und so leb ich. In meines Vaters Haus ohne Heimat! Unter Bruder und Schwester, und
ohne Liebe! Es tötet mich, daß mich niemand liebt. Ach, wie's mich danach verlangt! Nur
ein Wort, nur ein einzig Wort.« Und sie warf sich auf die Knie und legte den Kopf auf den
Stein und weinte bitterlich.
»Es kommen andere Tage«, sagte Valtin. »Und wir wollen aushalten. Und wenn
sie nicht kommen, eins mußt du wissen, Gret, ich tu alles, was du willst. Sage, daß ich hier
hinunterspringen so spring ich, und sage, daß du fort willst, so will ich auch fort. Und wenn
es in den Tod ging! Ich kann nicht leben ohne dich. Und ich will auch nicht.«