Page 31 - Grete Minde
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auszuharren, so kann es morgen unsre Pflicht sein, nicht zu gehorchen und uns durch
Flucht einem schlimmen Ansinnen zu entziehn. Aber eines gilt heut und immerdar: wir
müssen in unsrem Tun, ob wir nun fliehen oder ausharren, einem höheren Rufe Folge
leisten.‹ Und nun erzählte er mir von dem Fischbeckschen Pastor und seiner Flucht.«
»Aber er muß dir doch noch mehr erzählt haben?«
»Nein. Vielleicht daß er's getan, aber der alte Peter Guntz kam und unterbrach uns. Und
ich wußte ja nun auch, was ich wissen wollt und daß auch eine Flucht das Rechte sein
könne. Und als ich heimging, zählt ich mir her, wer alles geflohen sei. Joseph und Maria
floh. Und auch Petrus floh aus seinem Gefängnis.«
»Aber ein Engel des Herrn führte sie«, sagte Valtin. »Und sie flohen um Gott und
Glaubens willen.«
Es schien, daß diese Worte Greten ins Gewissen trafen, denn sie schwieg. Endlich aber
sagte sie: »Ja, um Gott und Glaubens willen. Aber auch um Lebens und Rechtes willen.
Ich mag kein Unrecht sehen und auch keines leiden.«
»Du weißt aber, daß wir Geduld üben und unsere Feinde lieben sollen.«
»Ja, ich weiß es; aber ich kann es nicht.«
»Weil du nicht willst.«
»Nein, ich will es nicht.«
Und als sie so weit gesprochen, wandten sie sich wieder und sahen, daß der Sonnenball
unter war und die Burgtürme bereits im Abendrote glühten. »Es ist Zeit, daß wir
heimgehen«, sagte Valtin, »oder wir verpassen's, und Trud ist eher zu Haus als wir.«
»Laß sie«, sagte Grete leicht. »Ich mag nicht mehr nach Haus. Mir ist, als wäre dies mein
letzter Tag und als müßt ich fort. Heute noch. Gleich. Willst du?«
Valtin sah sie bang und fragend an.
»Du willst nicht? Sag's nur. Du fürchtest dich.«
»Ich will, Grete. Ganz gewiß. Aber ich muß es einsehen, daß es nicht anders geht. Und
hab ich dir's anders versprochen, damals auf der Burg, als die Mädchen sangen und die
Sommerfäden zogen, so darfst du mich nicht beim Worte nehmen. Es war ein Unrecht.«
Sie warf den Kopf, aber sagte nichts und nahm seinen Arm. Und so schritten sie wieder
auf die Fähre zu. Die Sterne waren bald herauf und spiegelten sich in dem stillen Strom,
während Mückenschwärme wie Rauchsäulen über ihnen standen. Oben auf der Burg
schimmerten noch die Lichter, sonst aber war alles still, und nur aus weiter Ferne her hörte
man noch ein Singen, das mehr und mehr verklang. Es waren die kleinen Leute, die, samt
ihrem Gesinde, vom Außenhofe her wieder in die Stadt zogen. Und dazu klatschten
eintönig die Ruderschläge des Fährboots, und nun lief es auf, und Valtin und Grete
sprangen ans Ufer.
Die Stadt gedachten sie soweit wie möglich zu meiden und nahmen ihren Weg an den
Tangerwiesen hin, über die jetzt, mit ihnen zugleich, feuchte, weiße Nebel zogen. Die
hohen Nachtkerzen ragten mit ihren Spitzen über die Nebelstreifen fort und mischten ihren
Duft mit dem Dufte des Heues, das frisch gemäht zu beiden Seiten des Weges lag. Sie
sprachen nicht, und Valtin suchte nur den Fledermäusen zu wehren, die, von dem alten
Kirchengemäuer her, neben und über ihnen flatterten. So kamen sie bis an das Wassertor
und bogen in denselben Zirkelgang ein, auf dem sie gekommen waren, immer zwischen
den Gärten und der Stadtmauer hin. Und nun hielten sie vor der Mindeschen Gartenpforte.