Page 36 - Grete Minde
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aber bat sie, brav auszuhalten, bis sie wieder an eine hellere Stelle kämen. Und siehe,
            jetzt war es wirklich, als ob sich der Wald zu lichten begänne, die Stämme standen in
            größeren Zwischenräumen, und Valtin sagte: »Hier, Grete, hier wollen wir ruhn.« Und
            todmüde, wie sie war, warf sie sich nieder und streckte sich ins Moos. Und schon im
            nächsten Augenblicke schlossen sich ihre Wimpern. Er schob ihr ihr Reisebündel als
            Kissen unter und deckte sie leise mit seiner Winterjacke zu, von der er sich selber nur ein
            Zipfelchen gönnte.
            Und dann schlief er an ihrer Seite ein.







            Vierzehntes Kapitel

                                                     Auf dem Floß
            Als sie wieder erwachten, lag alles um sie her in hellem Sonnenschein. Sie hatten dicht
            am Rande des großen Lorenzwaldes geschlafen, der hier mit einer vorspringenden Ecke
            bis hart an den Strom trat, und der rote Fingerhut stand in hohen Stauden um sie her. Ein
            paar seiner Blüten hatte der Morgenwind auf Greten herabgeschüttelt, und diese nahm
            eine derselben und sagte: »Was bedeutet es mir? Es ist eine Märchenblume.«

            »Ja; das ist es. Und es bedeutet dir, daß du eine verwunschene Prinzessin oder eine Hexe
            bist.«
            »Das darfst du nicht sagen.«
            »Und warum nicht?«

            »Weil es Trud immer gesagt hat... Aber weißt du, Valtin, daß ich Hunger habe?«
            Und damit erhoben sie sich von ihrer Lagerstatt und gingen plaudernd immer am Wasser
            hin, bis sie weiter flußabwärts, wo der Waldvorsprung wieder einbog, an ein Fähr- oder
            Forsthaus   kamen.   Oder   vielleicht   auch   war   es   beides.   Anfangs   wollten   sie
            gemeinschaftlich eintreten, aber Valtin besann sich eines andern und sagte: »Nein, bleib;
            es ist besser, ich geh allein.« Und eine kleine Weile, so kam er mit Brot und Milch zurück
            und hielt, als er Gretens ansichtig wurde, die Hände schon von weitem in die Höh, um zu
            zeigen, was er bringe, und sie setzten sich ins hohe Gras, den Fluß zu Füßen und den
            Morgenhimmel über sich. »Wenn es uns immer so schmeckt...«, sagte Valtin. Und Grete
            sah ihn freundlich an und nickte.

            Als sie so saßen und mehr träumten als sprachen, bemerkten sie, daß mitten auf dem
            Strom ein großes Floß geschwommen kam, lange zusammengebolzte Stämme, auf denen
            sich vier Personen deutlich erkennen ließen: drei Männer und eine Frau. Zwei von den
            Männern standen vorn an der Spitze des Floßes, während der dritte, der seinen raschen
            und kräftigen Bewegungen nach der jüngste zu sein schien, das ungefüge Steuer führte.
            »Was meinst du«, sagte Valtin, »wenn wir mitführen? Du bist müde vom Gehen. Und
            mitten auf dem Strom, da sucht uns niemand.«
            Grete schien zu schwanken; Valtin aber setzte hinzu: »Laß es uns versuchen; ich ruf
            hinüber, und halten sie still und machen ein Boot los, nun, so nehmen wir's als ein
            Zeichen, daß es sein soll.« Und er sprang auf und rief: »Hoiho«, ein Mal über das andere.
            Die Flößer verrieten anfänglich wenig Lust, auf diese Zurufe zu achten, als Valtin aber
            nicht   abließ,   machte   der  am   Steuer  Stehende   den   Kahn   los,   der   hinter   dem  Floße
            herschwamm,   und   war   im   nächsten   Augenblicke   mit   ein   paar   Ruderschlägen   am
            diesseitigen Ufer.
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