Page 38 - Grete Minde
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Und jetzt erst erkannten unsre Flüchtlinge, wie sonderbar, aber auch wie
zweckentsprechend die hier befindliche Kochgelegenheit aufgebaut und eingerichtet war.
Das ganze Floß, auf mehr als zehn Schritt im Quadrat, war wie mit einem dicken Rasen
überdeckt, auf dem sich wiederum, ebenfalls aus Rasenstücken aufgeschichtet, ein wohl
drei Fuß hoher und unverhältnismäßig breiter und geräumiger Herd erhob. In diesen
waren Löcher eingeschnitten, und in den Löchern standen Töpfe, um die mehrere kleine
Feuer lustig flackerten. Und nun setzten sich die Männer in Front des Herdes, so daß sie
den Fluß hinuntersehen konnten, und nahmen ihr Mahl ein, das zunächst aus einer Brühe
aus Huhn und Hirse, dann aber aus dem Breitfisch, dem letzten Ertrag ihres Fanges,
bestand. Alle ließen sich's schmecken; und als Valtin, gegen den Schluß des Mahles, sich
über ihr Wohlleben verwunderte, lachte der Alte und beschrieb einen Kreis mit seiner
Rechten, als ob er andeuten wolle, daß ihm Ufer und Landschaft, mit allem, was darauf
fleucht und kreucht, tributpflichtig seien.
Und nun war das Mahl beendet, und Valtin und Grete, nachdem sie gedankt, erhoben sich
und suchten wieder ihr Zelt in Nähe des Steuers auf.
Sie mußten, an Neumühlen vorüber, schon meilenweit gefahren sein und hätten sich zu
jeglichem um sie her beglückwünschen können, wenn nicht das junge Frauenzimmer mit
den blanken Flechten und den schwarzen Stechaugen gewesen wäre. Valtin hatte nichts
bemerkt, aber der schärfer sehenden Grete war es nicht entgangen, daß sie seit Mittag
kein Auge von ihnen ließ und ersichtlich etwas gegen sie vorhatte. Ob aus Eifersucht oder
Habsucht, ließ sich nicht erkennen, aber etwas Gutes konnt es nicht sein, und als der Tag
sich neigte, rückte Grete näher und teilte Valtin ihre Besorgnisse mit. Dieser schüttelte den
Kopf und wollte davon nichts wissen, und siehe da, auch Grete vergaß es wieder, als sich,
gleich nach Sonnenuntergang, ein neues Leben auf dem Floße zu regen begann. Der Alte
nahm eine Fiedel, und die Frauensperson, die sich mittlerweile geputzt und eine rote
Schürze angelegt hatte, führte mit dem jungen Burschen einen böhmischen Tanz auf.
Danach setzten sie sich an den Herd und sangen Lieder, die der Alte mit ein paar Strichen
auf der Fiedel begleitete.
Und nun kam die Dämmerung, und die Sterne begannen matt zu flimmern. Das Floß
selbst hatte sich hart ans Ufer gelegt, das hier, anfänglich flach, dreißig Schritte weiter
landeinwärts eine hohe, steile Wandung zeigte. Es war noch hell genug, um die rotgelben
Töne des fetten Lehmbodens erkennen zu können. Alles schwieg, und nur Grete, der ihr
Verdacht wiedergekommen war, sagte leise: »Valtin, ich habe doch recht. Ich fürchte
mich.«
»Glaubst du wirklich, daß es böse Leute sind?«
»Nicht eigentlich böse Leute, aber sie werden der Versuchung nicht widerstehen können.
Du hast ihnen Geld gezeigt, und die Frau hat gesehen, daß ich Schmuck trage. Sie
werden uns berauben wollen. Und setzest du dich zur Wehr, so ist es unser letzter Tag.«
Valtin überlegte hin und her und sagte dann: »Ich fürcht, es ist, wie du sagst. Und so
müssen wir wieder fliehen. Ach, immer fliehen! Auch noch auf der Flucht eine Flucht.« Und
er seufzte leise.
Grete hörte die Klage wohl heraus, aber sie hörte zugleich auch, daß es kein Vorwurf war,
und so nahm sie seine Hand und sah ihn bittend an. Kannte sie doch ihre Macht über ihn.
Und diese Macht blieb ihr auch diesmal treu, und alles war wieder gut.
Es traf sich glücklich, daß das Floß mit eben dem Hintereck, auf dem ihr Zelt stand, auf
den Ufersand gefahren war. Sie teilten sich's mit und kamen überein, auf das Segeltuch,
das sie den Tag über zu Häupten gehabt hatten, eine Silbermünze zu legen und, sobald
alles schliefe, mit einem einzigen Satz ans Ufer zu springen. Wären sie dann erst die steile
Lehmwand hinauf, so würde sie niemand mehr verfolgen. Und wenn es geschäh, so wär