Page 40 - Grete Minde
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Stirn, war derselbe, den wir an jenem hellen Julivormittag, an dem unsere Geschichte
            begann, an der Emrentz Fenster vorüber seinen Umritt hatten machen sehn, und der
            neben ihm, ja, das mußte, wenn nicht alles täuschte, der Hagre, Schlackerbeinige mit dem
            weißen Hemd und der hohen Filzmütze sein, der bei Tage die Pauke gerührt und am
            Abend,   in   seinem   hölzernen  Abbild   wenigstens,   den   Polizeischergen   des   »Jüngsten
            Gerichtes« gemacht hatte. Ja, sie waren es wirklich, dieselben fahrenden Leute, denn
            eben   erschien   auch   die   große   stattliche   Frau,   die   damals,   in   halb   spanisch,   halb
            türkischem Aufzug, als dritte zwischen ihnen zu Pferde gesessen. Auch heute war sie
            verwunderlich genug gekleidet, trug aber, statt des langen schwarzen Schleiers mit den
            Goldsternchen, ein scharlachrotes Manteltuch, das sie, voll Majestät und nach Art eines
            Krönungsmantels, um ihre Schultern gelegt hatte. »Ach, Zenobia«, riefen alle und rückten
            zusammen, um ihr am Tische Platz zu machen. Mit ihr zugleich war der Wirt eingetreten,
            ein paar Kannen im Arm, und überbot sich alsbald in Raschheit und Dienstbeflissenheit
            gegen seine Gäste. Wußt er doch, daß sie mit vollem Beutel kamen und außerdem
            Freibrief und gutes Zeugnis von aller Welt Obrigkeit aufzuweisen hatten. Und was wollt er
            mehr?

            »Wirt«, rief der Schwarzhaarige, der auch heute wieder die  Herrenrolle  spielte, »die
            Salzwedelschen haben mir gefallen. Die drehen den Schilling nicht erst ängstlich um.
            Zweimal gespielt jeden Tag, erst die Puppen und dann wir selber. Und immer voll, und kein
            Apfel zur Erde. Ein lustiges Volk; nicht wahr, Wirt? Und wie heißt doch der Spruch von den
            Salzwedelschen? Ihr kennt ihn?«

            »Ei, freilich; welcher Altmärksche wird den nicht kennen. Ein guter Spruch, und er geht so:

             De Stendalschen drinken gerne Wien,
             De Gardeleger wülln Junker sien,
             De Tangermündschen hebben Mot,
             De Soltwedler awers, de hebben dat Got.«
            »Ja, das haben sie, das haben sie«, schrien alle durcheinander, und der Wirt wiederholte
            seinerseits: »Ein guter Spruch, ihr Herren. Bloß daß die Arendseeschen drin vergessen
            sind.«
            »Ei, warum vergessen! Solch Sprüchel ist ja nicht wie 's Vaterunser, wo nichts zukann und
            nichts weg. Was ihm fehlt, das machen wir dazu. Könnt Ihr einen Reim machen, Wirt? Ein
            Wirt muß alles können, reimen und rechnen.«
            »Ja, rechnen!« fiel der Chorus ein.

            »Ärgert ihn nicht, sonst bringt er's nicht zustand. Und ich seh's ihm an, daß er dran
            haspelt. Habt ihr's?«
            »Ja... De Stendalschen drinken gerne Wien...«

            »Nein, nein, das nicht. Das ist ja die alte Leier. Wir wollen den neuen Reim hören, den
            Arendseeschen.«

            Und so ging es unter Lärmen und Schreien weiter, bis der Wirt eine Pause wahrnahm und
            in schelmischem Ernst über den Tisch hin deklamierte:
             »Un di Arendseeschen, di hebben dat Stroh,
             Awers hebben fifteig'n Nonnen dato.«
            »Funfzehn Nonnen! Habt ihr gehört? Aber woher denn Nonnen? Es gibt ja keine Nonnen
            mehr. Ich meine hierzuland. Unten im Reich, da hat's ihrer noch genug. Nicht wahr,
            Zenobia? Aber hier! Alles aufgehoben, was sie ›säkularisieren‹ nennen. Habe mir's wohl
            gemerkt. Und das hat Euer vorvoriger Herr Kurfürst getan, der Herr Joachim, den ich noch
            habe   begraben   sehn.   War   das   erste   Mal,   daß   mein   Vater   selig   bis   hier   hinauf   ins
            Wittenbergsche kam. Anno 71, und ich war noch ein Kind.«
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