Page 37 - Grete Minde
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»Hoiho! Was Hoiho?«
Valtin hörte nun wohl, daß es Wenden oder Böhmen waren, die bis Hamburg wollten, und
trug sein Anliegen vor, so gut es ging. Der Böhmake verstand endlich und bedung sich
einen Lohn aus, der so gering war, daß ihn Valtin gleich als Angeld zahlte.
Und nun fuhren sie nach dem Floß hinüber.
Als sie neben demselben anlegten, fanden sich auch die beiden andern Männer ein, zu
denen nun der Jüngere sprach und ihnen das Geldstück überreichte. Sie schienen's
zufrieden, und der älteste, schon ein Mann über fünfzig, und allem Anscheine nach der
Führer, lüpfte seine viereckige, mit Pelz besetzte Mütze und bot Greten und gleich darauf
auch Valtin seine Hand, um ihnen beim Hinaufsteigen auf das Floß behülflich zu sein. Es
war ziemlich an der Hinterseite, nicht weit von dem großen Drehbalken, der als Steuer
diente, und unsere beiden Flüchtlinge nahmen in Nähe desselben Platz. Alles gefiel ihnen,
und Grete freute sich, daß Valtin den Mut gehabt und die Flößer angerufen hatte; am
besten aber gefiel ihnen der Mann am Steuer, der lebhaft und lustig war und sich beflissen
zeigte, sie zu zerstreuen und ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen. Er plauderte mit
ihnen, so gut es ein paar Wörter zuließen, und war erfinderisch in immer neuen
Aufmerksamkeiten.
Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, sah er, daß die vom Wasser zurückgeworfenen
Strahlen die jungen Leute blendeten, und kaum daß er es wahrgenommen, als er auch
schon das Steuer in Valtins Hand legte und sich daranmachte, mit Benutzung
umherliegender Bretter, aus einem großen Stück Segelleinwand ein Zelt für seine
Schutzbefohlenen aufzurichten. Sie setzten sich unter das Dach und genossen nun erst
der eigentümlichen Schönheit ihrer Fahrt. Am Ufer hin stand das hohe Schilf, und wenn
dann das Floß den grünen Schilfgürtel streifte, flogen die Wasservögel in ganzen Völkern
auf und fielen plätschernd und schreiend an weiter flußabwärts gelegenen Stellen wieder
ein. Der Himmel wölbte sich immer blauer, und ein Mittagswind, der sich aufgemacht
hatte, strich frisch an ihnen vorüber und kühlte die Tageshitze. Vorne, durch die ganze
Länge des Floßes von ihnen getrennt, standen nach wie vor die beiden älteren Männer
und angelten, ihre Haltung aber zeigte nur zu deutlich, daß sie mit dem Ertrag ihres
Fanges wenig zufrieden waren. Waren es doch immer nur kleine Fische, die, sooft sie die
Schnur zogen, in der Sonne hell aufblitzten. Jetzt aber gab es einen Freudenschrei, und
ein Breitfisch, so groß und schwer, daß die Schnur am Reißen war, flog mit einem Ruck an
Bord. Das war es, worauf sie gewartet hatten, und sie schütteten nun die neben ihnen
stehende Kufe mitsamt ihrem Inhalt wieder aus, füllten sie frisch mit Wasser und trugen
ihren großen Fang wie im Triumph auf die Mitte des Floßes, wo schon seit einiger Zeit ein
hell aufwirbelnder Küchenrauch die Vorbereitungen zu einer Mahlzeit anzudeuten schien.
Und in der Tat hantierte hier emsig und lärmend ein junges Frauenzimmer umher, das mit
seinen stechenden, kohlschwarzen Augen wohl dann und wann zu den neuen
Ankömmlingen flüchtig herübergesehen, im übrigen aber durch seine ganze Haltung
weder Freude noch Teilnahme bezeigt hatte.
Und immer weiter ging die Fahrt, und immer stiller wurde der Tag. Auch der Mann am
Steuer schwieg jetzt, und Valtin und Grete hörten nichts mehr als das Gurgeln des
Wassers und das Gezirp im Rohr und dazwischen den Küchenlärm, in dem sich das junge
Frauenzimmer, je näher die Mahlzeit rückte, desto mehr zu gefallen schien. Und jetzt
nahm sie einen blanken Teller, hielt ihn hoch und schlug mit einem Quirl an die
Außenseite. Das war das Zeichen, und alle versammelten sich um die Feuerstelle her. Nur
Valtin und Grete waren zurückgeblieben; aber der Alte kam alsbald auf sie zu, und nach
kurzer Ansprache, von der sie nichts verstehen konnten, nahm er Greten an der Hand und
führte sie, während er die gangbarsten und trockensten Stellen aussuchte, bis auf die
Mitte des Floßes.