Page 34 - Grete Minde
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wenn gereizt, nach Art schwacher und abgespannter Naturen, alle Müdigkeit abtun und in
            Wutausbrüche   geraten   konnte.   Wenn   er   ihr   jetzt   in   den   Weg   trat?   wenn   er   sie
            mißhandelte? Sie zitterte bei dem Gedanken und schlich so geräuschlos wie möglich die
            Treppe hinauf Als sie bei der nur angelehnten Türe des Hinterzimmers vorüberkam, hörte
            sie, daß Trud und Gerdt miteinander sprachen.
            »Sie muß aus dem Haus«, sagte Trud, »ich mag die Hexe nicht länger um mich haben.«

            »Aber wohin mit ihr?« fragte Gerdt.

            »Das findet sich; wo ein Will ist, ist auch ein Weg – sagt das Sprüchwort. Ich hab an die
            Nonnen von Arendsee gedacht, das ist nicht zu nah und nicht zu weit. Und da gehört sie
            hin. Denn sie hat ein katholisch Herz, trotz Gigas, und immer, wenn sie mit mir spricht, so
            sucht sie nach dem Kapselchen mit dem Splitter und hält es mit ihren beiden Händen fest.
            Und schweigt sie dann, so bewegen sich ihre Lippen, und ich wollte schwören, daß sie zur
            Heiligen Jungfrau betet.«

            Mehr konnte sie nicht erlauschen, denn das Kind, das bis dahin ruhig gelegen, begann
            wieder zu greinen, und Grete benutzte den Moment und fühlte sich vorsichtig weiter bis an
            das zweite Treppengeländer und in ihre Giebelstube hinauf.
            Der Mond schien auf die Dächer gegenüber, und sein zurückfallender Schein gab gerade
            Licht genug, um alles deutlich erkennen zu lassen. Die Tür zu der Kammer nebenan stand
            offen, und Regine saß eingeschlafen am Fußende des Bettes. »'s ist gut so«, sagte Grete
            und öffnete Schrank und Truhe, nahm heraus, was ihr gut dünkte, band ein schwarzes
            Seidentuch um ihren Kopf und verbarg unter ihrem Mieder ein kleines Perlenhalsband,
            das  ihr,   an  ihrem  Einsegnungstage,   vom   alten   Jacob  Minde   geschenkt   worden   war.
            Anderes hatte sie nicht. Und nun war sie fertig und hielt ihr Bündel in Händen. Aber sie
            konnte noch nicht fort. Nicht so. Und an der Schwelle der Kammertür kniete sie nieder und
            rief Gott um seinen Beistand an, auch um seine Verzeihung, wenn es ein Unrecht sei, was
            sie vorhabe. Und heiße Tränen begleiteten ihr Gebet. Dann erhob sie sich und küßte
            Reginen, die schlaftrunken auffuhr und den Namen ihres Lieblings nannte; aber ehe sie
            den Schlaf völlig abschütteln und sich wieder zurechtfinden konnte, war Grete fort und
            glitt, mit ihrer Rechten sich aufstützend, die steilen Stufen der Oberstiege hinunter. Und
            nun horchte sie wieder. Das Kind wimmerte noch leis, und die Wiege ging in heftiger
            Schaukelbewegung, während Trud, über das Kind gebeugt, rasch und ungeduldig ihre
            Wiegenlieder summte; Gerdt schwieg. Vielleicht, daß er schon schlief.

            Und im nächsten Augenblicke war sie treppab, über Hof und Garten, und hielt draußen an
            der Pforte. Valtin wartete schon. Er hatte sich zu dem Joppenrock, den er gewöhnlich trug,
            auch noch in eine dicke Friesjacke gekleidet, und in dem wuchernden Grase vor ihm lag
            eine schmale, hohe Leiter, wie man sie um die Kirschenzeit von außen her an die Bäume
            zu legen pflegt. Grete trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Der breite Schatten, der auf
            das Gras fiel, hinderte sie, die Leiter zu sehen, desto deutlicher aber sah sie seine
            winterliche   Einkleidung.   Und   sie   lachte.   Denn   der   Sinn   für   das   Komische   war   ihr
            geblieben. Und Valtin lachte gutmütig mit und sagte: »'s ist für dich, Grete, wenn du frierst.
            Die   Nacht   ist   kalt,   auch   eine   Sommernacht.«   Und   derweilen   schlug   es   elf,   und   die
            Glockenschläge mahnten sie wieder an das, was sie vorhatten. Valtin legte die Leiter an
            die Mauer, und Grete stieg hinauf. Und im nächsten Augenblicke war er selber oben und
            zog die Leiter nach und stellte sie nach außen. Und nun waren sie frei. Sie sahen sich an
            und atmeten auf, und der Zauber des um sie her liegenden Bildes ließ sie minutenlang
            ihres Leids und ihrer Gefahr vergessen. Die Nebel waren fortgezogen, silbergrüne Wiesen
            dehnten sich hüben und drüben, und dazwischen flimmerte der Strom, über den der Mond
            eben seine Lichtbrücke baute. Nichts hörbar als das Gemurmel des Wassers und die
            Glocken, die von einigen Stadtkirchen her verspätet nachschlugen.
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