Page 35 - Grete Minde
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Beide hatten sich angefaßt und eilten raschen Schrittes auf den Fluß zu.
»Willst du hinüber?« fragte Grete.
»Nein, ich will nur einen Kahn losmachen. Sie glauben dann, wir seien drüben.«
Und als sie bald danach den losgebundenen Kahn inmitten des Stromes treiben sahen,
hielten sie sich wieder seitwärts, über die tauglitzernden Tangerwiesen hin, bogen in
weitem Zirkel um den Burghügel herum und mündeten endlich auf einen Feldweg ein, der,
hart neben der großen Straße hin, auf den Lorenzwald zuführte.
Als sie seinen Rand beinah erreicht hatten, sagte Grete: »Ich fürchte mich.«
»Vor dem Wald?«
»Nein. Vor dir.«
Valtin lachte. »Ja, das ist nun zu spät, Grete. Du mußt es nun nehmen, wie's fällt. Und
wenn ich dir deinen kleinen Finger abschneide oder dich totdrücke vor Haß oder Liebe, du
mußt es nun leiden.«
Er wollt ihr zärtlich das Haar streicheln, soweit es aus dem schwarzen Kopftuch hervorsah,
aber sie machte sich los von ihm und sagte: »Laß. Ich weiß nicht, was es ist, aber solange
wir in dem Wald sind, Valtin, darfst du mich nicht zärtlich ansehen und mich nicht küssen.
Unter den Sternen hier, da sieht uns Gott, aber in dem Walde drin ist alles Nacht und
Finsternis. Und die Finsternis ist das Böse. Ich weiß es wohl, daß es kindisch ist, denn wir
gehören ja nun zusammen in Leben und in Sterben, aber ich fühl es so, wie ich dir's sag,
und du mußt mir zu Willen sein. Versprich es.«
»Ich versprach es. Alles, was du willst.«
»Und hältst es auch?«
»Und halt es auch.«
Und nun nahm sie wieder seine Hand, und sie schlugen den Weg ein, der sie bis an die
große Waldwiese führte. Hier war es taghell fast, und sie zeigten einander die Stelle, wo
der Maibaum damals gestanden und wo sie selber, am Schattenrande der Lichtung hin,
auf den umgestülpten Körben gesessen und dem Taubenschießen und dem Tanz um die
Linde her zugesehen hatten. Und dann gingen sie weiter waldeinwärts, immer einen
breiten Fußpfad haltend, der sich nur mitunter im Gestrüpp zu verlieren schien.
Sie sprachen wenig. Endlich sagte Grete: »Wohin gehen wir?«
»Ins Lüneburgsche, denk ich. Und dann weiter auf Lübeck zu. Da hab ich Anhang.«
»Und weißt du den Weg?«
»Nein, Grete, den Weg nicht, aber die Richtung. Immer stromabwärts. Es kann nicht
weiter sein als fünf Stunden; dann haben wir die Grenze, die bei Neumühlen läuft. Und die
tangermündschen Stadtreiter, auch wenn sie hinter uns her sind, haben das Nachsehen.«
»Glaubst du, daß sie sich eilen werden, uns wieder zurückzuholen?«
»Vielleicht.«
»Ja. Aber auch nichts weiter. Sie werden uns ziehen lassen und froh sein, daß wir fort
sind. Und wenn dein Vater es anders will, so wird's ihm Emrentz ausreden. Und wenn
nicht Emrentz, so doch Trud.« Und nun erzählte sie das Gespräch zwischen Trud und
Gerdt, das sie von der nur angelehnten Türe des Hinterzimmers aus belauscht hatte.
So mochten sie zwei Stunden gegangen sein, und der Mond war eben unter, als Grete
leise vor sich hin sagte: »Laß uns niedersetzen, Valtin. Meine Füße tragen mich nicht
mehr.« Und es war alles wie damals, wo sie sich als Kinder im Walde verirrt hatten. Er