Page 39 - Grete Minde
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es ohne Not und Gefahr, denn Schiffsleute hätten einen schweren Gang und wären
            langsam zu Fuß.
            Und   während   sie   so   sprachen,   war   der   Mond   aufgegangen.   Das   erschreckte   sie
            vorübergehend. Aber es standen auch Wolken am Himmel, und so warteten sie, daß diese
            heraufziehen und den Mond überdecken möchten.
            Und   nun   war   es   geschehen.   »Jetzt«,   sagte   Valtin,   und   den   Beistand   des   Himmels
            anrufend, sprangen sie vom Floß ans Ufer. Das seichte Wasser, das hier um ein paar
            Binsen her stand, klatschte hoch auf; aber sie hatten dessen nicht acht, und im nächsten
            Augenblicke die steile Lehmwand erkletternd, schritten sie rasch über das Feld hin und in
            die Nacht hinein.

            Niemand folgte.







            Fünfzehntes Kapitel
                                                   Drei Jahre später

            Drei   Jahre   waren   seitdem   vergangen,   und   wieder   färbte   der   Herbst   die   Blätter   rot;
            allüberall in der Altmark, und nicht zum wenigsten in dem Städtchen Arendsee, dessen
            endlos lange Straße, zugleich seine einzige, nach links hin aus Häusern und Gärten, nach
            rechts hin aus Klostergebäuden und zwischenliegenden Heckenzäunen bestand. Hinter
            einem dieser Heckenzäune, der abwechselnd von Dorn und Liguster gebildet wurde, ließ
            sich ein auf Säulen ruhender Kreuzgang erkennen, in dessen quadratischer Mitte der
            Klosterkirchhof lag, wild und verwahrlost, aber in seiner Verwahrlosung nur um so schöner.
            Einige   hoch   aufgemauerte   Grabsteine   schimmerten   aus   allerlei   Herbstesblumen   und
            dichtem Grase hervor, die meisten aber versteckten sich im Schatten alter Birnbäume,
            deren   ungestützte   Zweige   mit   ihrer   Last   bis   tief   zu   Boden   hingen.   Vorüberziehende
            Fremde würden sich des Bildes gefreut haben, das eben jetzt, bei niedergehender Sonne,
            von absonderer Schönheit war; ein paar Arendseesche Bürger aber, Handwerker und
            Ackersleute   zugleich,   die   mit  ihrem  Gespann  vom  Felde   hereinkamen,   achteten  des
            wohlbekannten Anblicks nicht und hielten erst, als sie schon dreißig Schritt über den
            Heckenzaun hinaus waren und an der andern Seite der Straße dreier hochbepackter
            Wagen ansichtig wurden, die hier, vor einer alten Ausspannung mit tiefer Einfahrt, den
            ohnehin schmalen Weg beinah versperrten.
            »Süh, Kersten, doa sinn se all. Awers hüt wahrd et nix mihr.«

            »Nei, hüt nich. Un weet'st all, Hanne, se speelen joa nicht blot mihr mit Zocken un
            Puppen. Se kümmen joa nu sülwer 'rut.«

            »Joa; so hebb ick't ook hürt. Richt'ge Minschen... Jott, wat man nich allens erlewen deiht!«
            Und damit gingen sie vorüber, weiter in die Stadt hinein.

            Und es war so, wie die beiden Ackerbürger gesagt hatten. Puppenspieler, die, wie's
            dazumalen aufkam, ihre Puppen zeitweilig im Kasten ließen und an Stelle derselben in
            eigener Person auftraten, waren an eben jenem Nachmittag in das Städtchen gekommen
            und hatten sich's in der Ausspannung, vor der ihre Wagen hielten, bequem gemacht. Da
            saßen sie jetzt zu vier um den Tisch der großen Schenkstube herum, ihrem Aufputz und
            ihrer   Redeweise   nach   oberdeutsches   Volk,   und   vertaten   das   Geld,   das   ihnen   der
            Salzwedelsche   Michaelismarkt   eingebracht   hatte.   Denn   von   daher   kamen   sie.   Zwei
            derselben alte Bekannte von uns. Der Schwarzhaarige, mit einer Narbe quer über der
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