Page 33 - Grete Minde
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»Lache nur, Bettelkind! Denn das bist du. Nichts weiter. Eine fahrende Frau war sie, und
keiner weiß, woher sie kam. Aber jetzt kennen wir sie, denn wir kennen dich. Eine fremde
Brut seid ihr, und der Teufel sieht euch aus euren schwarzen Augen.«
»Das lügst du.«
Trud aber, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, erhob ihre Hand und schlug nach ihr.
Grete war einen Schritt zurückgetreten, und es flimmerte ihr vor den Augen. Dann, ohne
zu wissen, was sie tat, griff sie nach dem über der Wiege hängenden Gürtel und
schleuderte ihn der verhaßten Schwieger ins Gesicht. Diese, vor Schmerz aufschreiend,
wankte und hielt sich mühsam an einem hinter ihr stehenden Tischchen, und Grete sah
nun, daß die scharfen Ecken des langen silbernen Gehänges Truds Stirn oder Schläfe
schwer verletzt haben mußten, denn ein Blutstreifen rann über ihre linke Wange. Aber sie
schrak vor diesem Anblick nicht zurück und hatte nichts als das doppelt selige Gefühl ihres
befriedigten Hasses und ihrer errungenen Freiheit. Ja, Freiheit! Sie war dieses Haus nun
los. Denn das stand fest in ihrer Seele, daß sie nicht länger bleiben könne. Fort. Gleich.
Und sie flog die Treppe hinab und über Flur und Hof in den Garten.
Da wuchsen wieder die Himbeerbüsche wie damals, wo sie hier mit Valtin zwischen dem
hohen Gezweig gestanden und über den Hänfling und sein Nest geplaudert hatte; aber
ihre verwilderte Seele dachte jener Stunden stillen Glückes nicht mehr. Sie kletterte nur
rasch hinauf und horchte gespannt, ob Valtin schon da sei. Er war es noch nicht. Und so
sprang sie vom Zaun in den Zernitzschen Garten hinunter und versteckte sich in der
Laube.
Denn daß er kommen würde, das wußte sie.
Eine Viertelstunde war vergangen, als Grete Schritte vom Hofe her hörte. Er war es, und
sie lief ihm entgegen. »Valtin, mein einziger Valtin. Ach, daß du nun da bist! Es ist
gekommen, wie's kommen mußte.« Und nun erzählte sie, was geschehen. »Ich wußt es.
Alles, alles. Und ich muß nun fort. Diese Nacht noch. Willst du, Valtin?«
Sie waren, während Grete diese Worte sprach, vorsichtshalber, um nicht gesehen zu
werden, von dem Mittelsteige her auf die Schattenseite des Gartens getreten, und Valtin
sagte nur: »Ja, Gret, ich will. Was es wird, ich weiß es nicht. Aber ich sehe nun, du mußt
fort. Und das hab ich mir geschworen, so ich's nur einseh, daß du fort mußt, so will ich's
auch und will mit dir. Und dann sieh, ich bin ja doch eigentlich schuld. Denn du wolltest
nicht weg von dem Kind, und ich hab dich überredet und dich trotzig gemacht und dich
gefragt, wer dir's denn verbieten wolle.«
»Sage nicht nein«, fuhr er fort, als er sah, daß sie den Kopf schüttelte. »Es ist so. Und am
Ende, was tut's? Du oder ich, es ist all eins, wer die Schuld hat. Es mußte zuletzt doch so
kommen, für dich und für mich. Auch für mich. Glaub es nur. Emrentz ist nicht wie Trud,
und wir leben jetzt eigentlich gut miteinander. Aber auf wie lang? Es ist ein halber Frieden,
und der Krieg steht immer vor der Tür. Eine Stief ist eine Stief, dabei bleibt's. Und soviel
sie lacht, sie hat doch kein Herz für mich, und wo das Herz fehlt, da fehlt das Beste.«
»So willst du?«
»Ja, Grete.«
»So laß uns gehen. In einer Stunde schon. Um elf wart ich draußen... Und eile dich; denn
mir brennt der Boden unter den Füßen.« – Und damit trennten sie sich.
Als Grete gleich darauf wieder drüben in ihrem eigenen Garten war, huschte sie den Zaun
entlang und an dem Weinspalier vorbei bis auf den Hof. Hier aber befiel es sie plötzlich,
daß sie, beim Eintreten in das Haus, vielleicht ihrem Bruder Gerdt begegnen könne, der,