Page 4 - Michaels_Buch Februar_neu
P. 4

Wunde genäht wurde.


            Mittlerweile war auch meine Mutter im Garten erschienen und hörte sich an, was passiert war. Da
            sie wusste, dass ich Sigmar nicht leiden konnte, ging sie wohl davon aus, dass ich ihn absichtlich
            verletzt hätte und verpasste mir eine kräftige Tracht Prügel. Alle meine Beteuerungen, dass es ein
            Unfall war, halfen nichts und ich bekam noch eine Woche Hausarrest obendrauf. Das Gute daran
            war nur, dass Sigmar nun nicht mehr mit uns spielen durfte und ich diesen Schnösel los war.

            1958 Das Mädchen Nanu
            Ich hatte drei Cousins und eine Cousine, die etwa 40 km von uns entfernt wohnten. Mit den beiden
            Söhnen meines Onkels Fritz verstanden mein Bruder und ich uns sehr gut. Sie wohnten in
            Reipoltskirchen, und hießen Hans und Wolfgang. Mein anderer Cousin hieß ebenfalls Hans, wohnte
            in Heltersberg und war ein richtiger Stinkstiefel. Damit man die beiden Hans´ unterscheiden konnte
            wurden sie „Heltersberger Hans“ und „Reipoltskirchener Hans“ genannt. Der kleine Bruder vom
            Reipoltskirchener Hans hieß Wolfgang, wurde aber nur Wölfchen gerufen. Die Schwester vom
            Heltersberger Hans hieß Sigrid und wurde von uns allen heiß und innig geliebt.

            Der Reipoltskirchener Hans war mal wieder bei uns zu Besuch und wir saßen auf der Treppe vor
            unserem Haus. Das Haus stand auf einem Hügel und von der Treppe aus hatten wir einen guten
            Ausblick ins darunter liegende Tal. Durch dieses fuhr mehrmals am Tag ein Personenzug, der
            Ramstein mit Landstuhl und Kaiserslautern verband. Der Reipoltskirchener Hans hatte noch nie
            einen Zug gesehen und war ganz fasziniert. Er hob die rechte Hand und bewegte den Zeigefinger
            auf und ab. Dabei rief er: “Gigi, Gigi, Gigi“. Mein Bruder und ich fanden das so gut, dass ab diesem
            Zeitpunkt unsere Hände die Gigis waren. Später bekamen auch unsere Füße Namen und wurden die
            Guusen genannt.

            Da meine Eltern beide berufstätig waren, hatten wir ein Dienstmädchen. So wurden die
            Haushaltshilfen damals genannt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie sie hieß, denn da sie
            sehr fleißig war, wurde sie von uns allen nur Ameischen genannt. Sie verrichtete nicht nur alle
            möglichen Arbeiten im Haus, sondern war auch für meinen Bruder und mich zuständig, wenn
            unsere Eltern in der Schule waren. Mit Ameischen fochten wir so manchen Strauß aus, denn sie war
            recht streng in ihrer Erziehung.

            Dann kam der Tag, an dem wir zum ersten Mal in den Kindergarten mussten. Früh morgens machte
            sich Mama mit Franz und mir auf den Weg. Als sie uns im Kindergarten abgegeben hatte, wurde
            uns angst und bange. Wir klammerten uns aneinander und fingen fürchterlich zu weinen an. Das hat
            erst aufgehört, als uns Mama wieder abgeholt hat. Am nächsten Tag fing unser Gejammer schon
            morgens zu Hause an und hörte erst auf, als wir wieder abgeholt wurden. Das ging eine ganze
            Woche so, bis schließlich meine Eltern aufgaben und wir wieder von Ameischen betreut wurden.

            Ramstein hat den größten Nato-Flughafen in Europa und jeder dritte Einwohner war ein
            Amerikaner. Mein Vater war sehr proamerikanisch und wir hatten oft Besuch von amerikanischen
            Offizieren. Sie brachten uns Süßigkeiten mit, die sie in der PX, einem amerikanischen Kaufhaus,
            gekauft hatten. Wir haben damals schon Barbecue-Grillen gemacht und so kam ich früh mit der
            amerikanischen Esskultur in Berührung.


            Wir hatten wieder einmal Besuch, diesmal aus Norddeutschland. Ich weiß nicht mehr, wer da genau
            gekommen war, nur so viel, dass der Besuch ein kleines Mädchen in unserem Alter dabei hatte.
            Schräg gegenüber unseres Hauses war ein kleiner Stall mit Dachboden fürs Heu. Der Stall wurde
            nicht mehr benutzt, deshalb gingen wir dort öfter zum Spielen hin. Wir kletterten eine Leiter in den
            ersten Stock hoch und zeigten der Besucherin die Räumlichkeiten. Sie war sehr beeindruckt und als
            sie die Luke sah, durch die man das Heu nach unten warf, entfuhr ihr ein erstauntes „Nanu“. Wir
   1   2   3   4   5   6   7   8   9