Page 10 - Grete Minde
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gewesen; aber dieser Anblick erschütterte sie doch. »Gott, Grete!« rief sie und sank in
einen Stuhl.
Die Träger hatten mittlerweile die Bahre niedergesetzt und trugen das schöne Kind,
dessen Arme schlaff herabhingen, von der Straße her ins Zimmer. »Hier«, sagte Gerdt, als
er die Leute verlegen und unschlüssig dastehen sah, und wies auf eine mit Kissen
überdeckte Truhe. Und auf eben diese legten sie jetzt die scheinbar Leblose nieder. Mit
ihnen war auch die alte Regine, die Pflegerin Gretens, jammernd und weinend eingetreten
und beruhigte sich erst, als nach Besprengen mit frischem Wasser ihr Liebling die Augen
wieder aufschlug.
»Wo bin ich?« fragte Grete. »Ach... nicht in der Hölle!«
»Gott, mein süß Gretel«, zitterte Regine hin und her. »Was sprichst du nur? Du bist ja ein
gutes und liebes Kind. Und ein gutes und liebes Kind, das kommt in den Himmel. Aber das
ist auch noch nicht, noch lange nicht. Du kommst auch noch nicht in den Himmel. Du bist
noch bei uns. Gott sei Dank, Gott sei Dank. So sieh doch, sieh doch, ich bin ja deine alte
Regine.«
Die Träger standen noch immer verlegen da, bis der alte Minde sie bat, ihm zu erzählen,
was vorgefallen sei. Aber sie wußten nicht viel, da sie wegen des großen Andrangs nur
draußen auf der Treppe gewesen waren. Sie hatten nur gehört, daß, gegen den Schluß
hin, ein brennender Papierpfropfen in das mit Schwärmern und Feuerrädern angefüllte
Vorratsfaß des Puppenspielers gefallen sei und daß es im selben Augenblick einen Schlag
und gleich darauf ein furchtbar Menschengedränge gegeben habe. In dem Gedräng aber
seien zwei Frauen und ein sechsjährig Kind elendiglich ums Leben gekommen.
Grete richtete sich auf, ersichtlich um zu sprechen und den Bericht nach ihrem eigenen
Erlebnis zu vervollständigen; als sie aber ihrer Schwieger ansichtig wurde, wandte sie sich
ab und sagte: »Nein, ich mag nicht.«
Trud wußte wohl, was es war. Sie nahm deshalb ihres Mannes Hand und sagte: »Komm.
Es ist besser, Grete bleibt allein. Wir wollen in die Stadt gehen und sehen, wo Hülfe not
tut.« Und damit gingen beide.
Als sie fort waren, wandte sich Grete wieder und sagte, ohne daß es einer neuen
Aufforderung bedurft hätte: »Ja, so war es. Der Hagre, mit den Schlackerbeinen und der
häßlichen, spitzen Filzmütze, bat ihn eben, daß er ihm als einen Bringerlohn eine von den
Seelen wieder freigeben solle – da gab es einen Knall, und als ich mich umsah, sah ich,
daß alles nach der Türe hindrängte. Denn da, wo das Spiel gewesen war, war alles Rauch
und Qualm und Feuer. Und ich dachte, der Letzte Tag sei da. Und Emrentz hatte mich bei
der Hand genommen und zog mich mit sich fort. Aber mit einem Male war ich von ihr los,
und da stand ich nun und schrie, denn es war, als ob sie mich erdrückten, und zuletzt hatt
ich nicht Luft und Atem mehr. Da packte mich Valtin von hinten her und riß mich aus dem
Gedränge heraus und in den Saal zurück. Und ich meinte, daß er irre geworden, und so
wollt ich wieder in den Knäuel hinein. Er aber zwang mich auf eine Bank nieder und hielt
mich mit beiden Händen fest. ›Willst du mich morden?‹ rief ich. ›Nein, retten will ich dich.‹
Und so hielt er mich, bis er sehen mochte, daß das Gedränge nachließ. Und nun erst
nahm er mich auf seinen Arm und trug mich über den Vorplatz und die Treppe hinunter, bis
wir unten auf dem Marktplatz waren. Da schwanden mir die Sinne. Und was weiter
geschehen, weiß ich nicht. Aber das weiß ich, daß ich ohne Valtin erdrückt oder verbrannt
oder vor Angst gestorben wäre.«
Der alte Minde war an einen Schrank getreten, um von seinem Melissengeist, den er noch
bei den Brügger Karmeliterinnen erstanden hatte, ein paar Tropfen in ein Spitzglas mit
Wein und Wasser zu tun. Grete nahm es; und als eine halbe Stunde später Trud und