Page 48 - Brot backen - wie es nur noch wenige können
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Dörfern erhalten.



  INSZENIERT UND INSTRUMENTALISIERT
  Erst  ab  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  setzte  eine  Rückbesinnung  ein,  und  diesmal  unterstützte  die
  Obrigkeit  die  Wiederentdeckung  der  Bräuche.  Im  Zeitalter  der  Nationalstaaten  ging  es  darum,  die

  eigene Identität zu finden und sich damit von anderen Völkern abzugrenzen. Bräuche, die angeblich
  seit alters in der Region ausgeübt wurden, kamen da gerade recht. Was an Brauchtum noch vorhanden
  war, wurde reanimiert und mystifiziert. Man schreckte auch nicht davor zurück, Bräuche zu erfinden
  und sie mit einer Entstehungslegende zu versehen, die bis ins Mittelalter zurückreichte.
     Die  Nationalsozialisten,  die  sich  der  Bedeutung  von  Bräuchen  für  die  „Volksgemeinschaft“
  durchaus bewusst waren, gingen zeitlich noch einen Schritt weiter zurück. Wenn religiöse Feiertage
  nicht  abgeschafft  werden  konnten,  suchte  man  deren  christlichen  Bezug  zu  negieren  und  dichtete
  ihnen germanische Ursprünge an. Weihnachten zum Beispiel wurde zum „altgermanischen Julfest“
  umgedeutet.



















  Hausbrauch: Was die kulinarische Gestaltung des Heiligen Abends betrifft, folgt jede Familie ihren eigenen Regeln.
  Das war auch 1932 so, als diese Fotos entstanden.




  HAUSBRAUCH UND SITTEN

  Laut Duden ist „Hausbrauch“ ein Wort, das nur noch selten benützt wird. Das heißt aber nicht, dass es
  das Phänomen als solches nicht mehr gibt. Ein Beispiel: Auf die Frage, was es am Heiligen Abend zu
  essen gibt, wird man mit ziemlicher Sicherheit die Antwort bekommen: „Bei uns gibt es immer ...“
  Genannt werden Gerichte, die schon Mutter und Großmutter serviert haben und die somit Brauch im
  privaten Bereich der Familie sind.
     Was die Häufigkeit der Verwendung von „Sitte“ betrifft, so schneidet dieses Wort wesentlich besser

  ab. Das kann auch daran liegen, dass es im Krimijargon so oft benutzt wird: Die „Sitte“ wird gerufen,
  wenn es um Unmoralisches geht. Moral, Werte, Normen, in der Tradition einer bestimmten Gruppe
  verankerte  Gepflogenheiten  legen  fest,  was  „gute  Sitte“  ist.  Zu  den  überlieferten  Verhaltensweisen
  gehört zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, einem Besucher etwas anzubieten. Heute mag das
  Kaffee sein, früher war es in vielen Regionen üblich, dem Gast einen Laib Brot zu geben, von dem er
  sich mit dem dazu gereichten Messer eine Scheibe oder mehrere abschneiden durfte.
     Auch soziales Handeln war im ländlichen Bereich Sitte. Die Versorgung des kranken Nachbarn, die
  Unterstützung von Bettlern – man tat’s, auch wenn man murrte: „Der Kulmbock sackermentiert ganz
  schrecklich über das Bettelgesindel, das an die Schwelle seines Hofes kommt, mit dem Säcklein um
  etwas Korn, mit dem Töpflein um etwas Milch bittend – aber er beteilt es. Mein Adam entschuldigte
  sich immer treuherzig, wenn er des Bettlers Säcklein nur halb zu füllen vermochte: ‚Musst halt wohl
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