Page 239 - Stiftung Warentest - Warenkunde Brot - Gutem Brot auf der Spur
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Mangel an Enzymen, die Histamin abbauen. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht
          zwischen Abbau und Zufuhr von Histamin. Symptome können Hautprobleme, Magen-
          Darm-Beschwerden, Schwindel und Übelkeit, Atembeschwerden, Müdigkeit oder
          Gelenkschmerzen sein. Backwaren haben in aller Regel einen sehr geringen

          Histamingehalt. Auch die heutige Backhefe ist histaminfrei. Allerdings wird davon
          ausgegangen, dass bei langen Gärprozessen im Teig Histamin entsteht und so zu
          Beschwerden führen kann. Wissenschaftlich nachvollziehbare Daten fehlen dazu aber
          bislang.



          Warum ein Brot nicht nach Hefe schmecken sollte


          Backhefe ist ein Triebmittel. Es lockert den Teig, trägt über den ausgeschiedenen

          Alkohol und andere Stoffe zur Geschmacksbildung bei, soll aber den Geschmack des
          Brotes nicht dominieren. Ein Brot hat ganz andere Möglichkeiten, zu einem einzigartigen
          Aromenprofil zu gelangen. Je weniger Backhefe im Spiel ist, umso größer die Chance
          auf einen vielfältigen, ausgeprägten Brotcharakter.


          Denn Hefe ist Zeit. Je weniger Hefe im Teig, umso langsamer geht er auf, umso

          langsamer wird das Mehl von ihr verstoffwechselt und umso mehr Zeit bleibt den im
          Mehl enthaltenen natürlichen Enzymen, die Eiweiße, Stärke, Schleimstoffe und
          sekundären Pflanzenstoffe ab- oder umzubauen. Wenn Fermentation im Spiel ist, braucht

          es Zeit, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Das ist bei Käse, Wurst und Wein nicht
          anders.


          In einschlägigen Backbüchern und auf dem klassischen Frischhefewürfel selbst werden
          Hefemengen von 42 Gramm (ein Würfel) auf 500 Gramm Mehl empfohlen. Das sind
          rund acht Prozent Hefe, bezogen auf die Mehlmenge. Für ein Brot mit eigenem,

          hefearmen Geschmacksprofil reichen maximal ein bis zwei Prozent Hefe aus, also fünf
          bis zehn Gramm auf 500 Gramm Mehl.


          Um Zeit ins Brot zu bekommen, kann einerseits die Teigführung über mehrere Stunden
          bis Tage verlängert werden. Andererseits kommen Vorteige zum Einsatz, die als

          „Aromabomben“ in den Teig gegeben werden und gleichzeitig der natürlichen
          Hefevermehrung dienen. Dazu zählen unter anderem die Vorteigarten Poolish, Biga und
          Pâte fermentée (siehe Infokasten rechts), auch das klassische Hefestück für fettreiche
          Gebäcke wie Hefekuchen ist ein Vorteig. Sie unterscheiden sich in ihrer
          Zusammensetzung (Mehlsorte, Wassergehalt, Hefemenge, Salzanteil) und in den
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