Page 200 - Brot backen - wie es nur noch wenige können
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sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau.
     Immer  nur  am  Schreibtisch  zu  sitzen  war  aber  dann  doch  nichts  für  die  junge  Frau,  die  in  der
  Wärme der Backstube aufgewachsen war, in der noch ein über 130 Jahre alter Steinofen steht. Der
  Opa gab ihr die Chance und eine Lehrstelle, aber keine Vorzugsbehandlung. Sie musste das Handwerk
  von der Pike auf lernen. Und selbstverständlich in der Nacht aufstehen. Die Meisterschule beendete
  Denise  2006  mit  Bravour.  „Bei  der  Prüfung  waren  zwölf  Leut’  aus  ganz  Österreich,  ich  war  des
  einzige Madel, ich war die Jüngste und die Einzige mit Auszeichnung. Also des war dann scho cool.“
     Im  selben  Jahr  übergab  der  Großvater  den  Betrieb.  Die  Dreiundzwanzigjährige  konnte  nun  auf

  eigene Art agieren und sich entscheiden, ob sie dem Beispiel folgen wollte. Was die Qualität betrifft,
  reihte sie sich in die Riege der Altvorderen: Nach wie vor werden Brot und Gebäck in der Bäckerei
  Pölzelbauer  in  reiner  Handarbeit  hergestellt,  und  dass  Zusatzstoffe  und  Tiefkühlprodukte  in  der
  Traditionsbäckerei nichts zu suchen haben, versteht sich von selbst. Auch die bewährte Mannschaft
  behielt sie bei. Der Altgeselle Ernst Grangl, seit 1989 Teil der Bäckerfamilie, gehört noch heute zum
  Team. Die Filialen der Bäckerei aber schloss sie, sie wollte nicht expandieren und dabei qualitativ
  Kompromisse  eingehen.  „Lieber  ein  Geschäft  und  des  super.“  Um  diesen  Superlativ  zu  erreichen,
  gestaltete sie den Laden neu und modern – wo die Kunden einkaufen, war früher ihr Kinderzimmer.
     „Eigene Art“, das heißt auch Öffnung, Blick in andere Kulturkreise. Denise begann sich mit der
  Traditionellen Chinesischen Medizin und deren Ernährungslehre zu beschäftigen: Die Zutaten werden
  nach den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser klassifiziert. Jedes Element steht für
  eine Geschmacksrichtung und hat unterschiedliche energetische und thermische Wirkungen. Was die
  junge Bäckermeisterin kreiert, soll nicht nur köstlich schmecken, es soll dem Körper auch wohltun.
  Wie das Weingebäck, das sie nach eigener Rezeptur und im Einklang mit der Fünf-Elemente-Lehre
  entwickelte. „Das ist so entstanden, dass ich mir gedacht hab, wenn man am Wochenende weggeht und
  in  einer  Bar  sitzt,  kriegt  man  immer  diese  grausligen  Erdnüsse.  Und  dann  hat  mir  ein  Kunde  aus

  Italien so ein Gebäck gebracht, das die Italiener zum Wein essen. So ein riesiger Fladen mit sehr viel
  Olivenöl und da hab ich mir gedacht, das muss man doch anders machen können, was zum Knabbern
  auf gesunder Basis, was aber sehr gut schmeckt.“
     Experimente  mit  Traubenkernmehl  führten  schließlich  zur  Entwicklung  des  Weingebäcks:  Die
  dünnen  Teigblätter  werden  in  Handarbeit  hergestellt,  Denise  Pötzelbauer  bietet  fünf  Sorten  in
  unterschiedlichen  Geschmacksrichtungen:  neutral,  mit  Rosmarin,  Chili  und  Sesam,  Zwiebel  und
  Thymian, Knoblauch und Majoran. „Sie sind mit dem Traubenkernmehl so reizvoll, weil das enthält
  ja  das  OPC,  das  auch  die  freien  Radikalen  neutralisiert.  Und  das  ist  der  wichtige  Aspekt  beim
  Weingebäck. Es ist die gesunde Alternative zum Knabbern. Es schmeckt köstlich und passt optimal
  dazu, wenn man ein Glas Wein trinkt.“
     1.000 Packungen fertigen Denise und ihre drei Angestellten täglich in Handarbeit, das Gebäck hält
  ein  Jahr  und  kann  auch  exportiert  werden.  Mit  dem  Erfolg  dieses  Produkts  änderte  die
  Bäckermeisterin  ihre  Angebotspalette:  Gebäcke,  die  der  Großvater  noch  fertigte,  wie  Kipferl,

  Semmeln oder Krapfen stellt sie nicht mehr her, aber dem Natursauerteigbrot ist sie treu geblieben.
  Zweimal  pro  Woche  werden  fünf  Sorten  Roggenbrot  gebacken:  Sonnenblumen-,  Walnuss-,
  Kürbiskern-, Haus- und Bauernbrot. Der Großteil der Ware geht nach Wien, der Laden ist nur noch
  am  Samstagvormittag  geöffnet.  „Es  hat  sich  so  viel  geändert,  es  ist  unglaublich,  was  sich  alles
  geändert hat. Die kleinen Bäckereien gehen nach der Reihe alle ein. Es ist fürchterlich, man muss eben
  diese Schiene fahren, die wir fahren, da fährt man gut. Man muss einfach mit der Zeit gehen und
  seinen Weg finden. Da darf man nicht wehmütig dem nachschauen, was früher war. Früher war mal,
  jetzt ist jetzt. Wichtig ist die Qualität, das ist ein Wert von früher, Handarbeit, beste Zutaten, wir sind
  100  Prozent  Demeter  zertifiziert,  das  ist  mir  wichtig,  nicht  ein  großes  Sortiment.  Mein
  Lebensgefährte, die haben eine große Demeter-Landwirtschaft im Burgenland, da bekomm ich mein
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