Page 30 - Brot backen - wie es nur noch wenige können
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Schlucht. Sie ist voll dichtem und hohem Erlen- und Haselnußgebüsch, zwischen welchem Germen
  (Liliengewächse), Schierling und Sauerampfer wuchern. Unter diesen Gewächsen rieselt ein Wasser,
  das seinerzeit zuweilen nur von einem durstigen Krötlein aufgesucht wurde, sonst aber, so klar und
  frisch es war, ganz unbeachtet blieb, bis unser Nachbar, der Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine
  Mühle  in  dieselbe  baute.  Die  Mühle  stand  so  versteckt  im  Gebüsch,  daß  ich,  wenn  ich  bei  meiner
  Rinderherde auf dem Wiesenrain stand, vergebens nach derselben gespäht hätte, wenn an ihr und hoch
  über den Gesträuchen nicht zwei Tannen emporgeragt haben würden. Auf diesen Tannen saß gern ein
  Habicht und pfiff zu mir und meinen Rindern herüber, daß ich vor Grauen im Gedanken oft ein heilig

  Vaterunser betete. Auch vor der Mühle fürchtete ich mich; sie kam mir mit ihren ewigen Schatten und
  traurigem Wasserrauschen schier so schauerlich vor wie jene im Märchen meiner Mutter, in der die
  schöne, einschichtige Müllerstochter zwölf Räuber mit der breiten Mühlhacke geköpft hat.“
     Rosegger  wurde  1843  geboren,  in  seiner  Jugendzeit  war  es  möglich,  dass  der  „Nachbar,  der
  Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine Mühle in dieselbe baute“. Der Mühlenbann war abgeschafft
  worden,  in  Österreich  Ende  des  18.,  in  Bayern  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Damit  wurden  auch
  Innovationen möglich, denn mit dem Anbruch des Industriezeitalters hatte sich auch im Bereich des
  Mühlenbaus einiges getan: 1786 hatte in London die „Albion Mill“ den Betrieb aufgenommen, eine
  von  zwei  Dampfmaschinen  angetriebene  Anlage,  in  der  20  Mühlsteinpaare  in  Bewegung  gesetzt
  wurden. Mit dem Aufkommen der Dampfmühlen hatten die Wasser- und Windmühlen ausgedient. Der
  Mühlstein  sollte  sich  noch  fast  150  Jahre  drehen,  bis  auch  er  nicht  mehr  zeitgemäß  war:  1834
  konstruierte der Schweizer Ingenieur Sulzberger den ersten brauchbaren Walzenstuhl. Nach einigen
  technischen Verfeinerungen war der perfekte Ersatz für den Mahlstein gefunden. Das Korn wurde nun
  zwischen rotierenden, gegenläufigen Eisenwalzen zerrieben. Damit war auch das letzte antike Teil der
  Mühle durch moderne Technik ersetzt.

































  Im  Alpenraum  dominierten  die  Wassermühlen,  im  Osten  Österreichs  wie  in  Untersiebenbrunn  in  Niederösterreich
  nutzte man auch die Windkraft.
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