Page 36 - Taschenbuch Michel Grassart, Abbè Pierre die Wahrheit...
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sind.  Das  Leben  mit  Paragrafen  da  und  dort;  wehe,  du
         passt nicht in ihr Schema, dann urteilen sie über dich –
         und  das  schonungslos.  Wenn  dann  noch  einer  kommt
         wie  ich,  der  tiefste  Lebenserfahrung  genießt,  dann  bin
         ich für sie nicht real, um mich ruhigzustellen wird dann
         debattiert.  Ich  brauche  zwecks  Vergangenheit  keinerlei
         IV-Rente,  ich  und  andere  aus  den  Slums  wollen  nur
         wahrgenommen  werden  als  vollwertige,  anerkannte
         Mitglieder der Gesellschaft, ist das denn zu viel verlangt!
         Vermutlich sollte der größte Teil der Beamten oder Sozi-
         alpädagogen  einmal  nach  Südamerika  fahren  und  dort
         ein  langjähriges  Sozialstudium  bei  der  armen  indigenen
         Bergbevölkerung  absolvieren,  um  zu  sehen,  wie  die Ar-
         men täglich ums Überleben kämpfen, ohne jegliche Hilfe
         des Staates. Würden sie dann immer noch so selbstherr-
         lich durchs Leben wandern? Ich zum Beispiel war selten
         einer,  der  an  sich  zweifelte  oder  dauernd  jammerte;
         nein, mir ging es nur um eine Lösung, wer ich bin, und
         das  Entgegenkommen,  und  nicht  um  die  Hindernisse
         vonseiten  der  Behörden,  Privatleute  oder  dem  Boden-
         personal Gottes oder sonstigen Vereinen der Gläubigen.
         Nein, mir ging es immer um Ehrlichkeit und Wahrheit. Ich
         denke,  es  ist  für  viele  Menschen  gar  nicht  so  schlecht,
         einer Kirche anzugehören und an etwas glauben zu kön-
         nen, sonst hätten wir vermutlich viel mehr Patienten zu
         betreuen, denn jeder braucht irgendwie ein Fundament,
         auf dem er/sie etwas aufbauen kann. Ich wünschte, dass
         Hilfsorganisationen aller Art mehr für ihre Menschen tun
         würden als vermutlich über neunzig Prozent der Verwal-
         tungskosten  für  ihre  Selbstverherrlichung  auszugeben.
         Diesen Eindruck bekam ich in meiner Vergangenheit oft,
         etwa  auch,  als  wir  im  Hauptquartier  der  Heilsarmee  in



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