Page 56 - Was will Gott_Neat
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nackt gewesen und ihr habt mich nicht bekleidet; ich
           bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich
           nicht  besucht.  Das bedeutet: Ihr  habt  mich und  die
           Meinen wohl an Hunger, Durst und Frost sterben las-
           sen, mich von wilden Tieren zerreißen, im Gefängnis
           verfaulen und in Nöten verderben lassen. Was bedeutet
           das anderes, als für Mörder und Bluthunde erklärt zu
           werden? Denn auch wenn du so etwas nicht mit einer
           Tat begangen hast, so hast du ihn doch im Unglück ste-
           cken und umkommen lassen. Und es ist das Gleiche, als
           ob ich jemand ins tiefe Wasser oder in ein Feuer fallen
           sehe, könnte ihm zwar die Hand reichen, ihn heraus-
           reißen und retten, und täte es doch nicht, wie würde
           ich vor aller Welt dastehen, also ein Mörder und Böse-
           wicht? Darum ist die Meinung Gottes, dass wir keinem
           Menschen Leid widerfahren lassen, sondern alles Gute
           und Liebe beweisen, und zwar genau denen gegen-
           über (wie gesagt), die unsere Feinde sind. Denn dass wir
           Freunden Gutes tun, ist natürlich auch bei Heiden eine
           Tugend, wie Christus Mt. 5,46 sagt.
               Da haben wir nun abermals Gottes Wort, mit dem
           er uns anreizen und treiben will zu rechten, edlen, ho-
           hen Werken – wie Sanftmut, Geduld, zusammengefasst
           also Liebe und Wohltat gegen unsere Feinde – und will
           uns immer erinnern, dass wir an das erste Gebot den-
           ken, dass er unser Gott ist, das heißt, dass er uns helfen,
           beistehen und schützen will, damit er die Lust, uns zu
           rächen, dämpft.
               Wenn wir solches nun betreiben und lehren wür-
           den, so hätten wir alle Hände voll zu tun mit guten
           Werken. Aber das wäre nicht für die Mönche gepredigt,
           dem geistlichen Stand zu viel abverlangt, es käme der
           Heiligkeit der Mönche zu nahe und es sollte wohl bes-
           ser heißen, dass gute Werke verboten und Klöster ge-


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