Page 44 - Taschenbuch Michel Grassart, Abbè Pierre die Wahrheit...
P. 44
nichts sagen, seine Antwort war nur, so jetzt hört doch
auf immer zu streiten und Du Michel mach endlich mal
deine Arbeit, denn du musst dein täglich Brot verdienen.
Als Achtjähriger entdeckte ich mit meinem Halbbruder
viele Briefe mit einer roten Masche darum, leider konn-
ten wir sie nicht mehr lesen und uns wurde unter Andro-
hungen untersagt die Briefe überhaupt zu berühren.
Eines konnten wir natürlich lesen, den Absender und der
war hundertprozentig von unserer geliebten Mutter aus
Paris. Immer und immer wieder fragten wir nach Ihr oder
wollten wissen, wann wir unsere geliebte Mutter sehen
durften. Die Frau Pfarrer meinte nur mit einem abschät-
zenden lächeln, vergesst endlich Eure Mutter, denn wir
sind jetzt eure Eltern und jetzt ist Schluss mit dieser ewi-
gen Fragerei. Nebenbei gab es jedes Wochenende Unter-
richt im alten, sowie neuen Testament. In den Ferien drei
bis vier Stunden täglich. Der Pfarrer konnte somit legal
seine Macht ausüben. Wir wurden einfach übergangen,
es war Pflicht, unter Androhung von Schlägen oder dem
Essensentzug, dabei durften wir immer mit einem Lä-
cheln durchs Leben, was muss das für andere Menschen,
in anderen Kontinenten gewesen sein, als Ihnen das
Evangelium unter Androhung der Todesstrafe einge-
trichtert wurde, speziell mit all den Sklaven und Anders-
gläubigen auf dieser Welt. Eines Tages nachdem ich mei-
nem Bruder gesagt hatte, dass wir unsere leibliche Mut-
ter gefunden hatten, hörte ich von meinem Bruder die
Geschichte, die alles im Schnellverfahren ins Rollen
brachte. Der Pfarrer ließ meinem Bruder ausrichten, dass
unsere Mutter psychisch und physisch sehr angeschlagen
sei, sowie hochgradig Schizophren. Das konnte es doch
nicht sein, mit so einer Vergangenheit ums Überleben,
44