Page 44 - Michaels_Buch Februar_neu
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Wir waren gerade einmal 50 km hinter München auf der Autobahn, als es einen heftigen Knall gab
und das Kupplungspedal nach unten fiel. Ich fuhr im vierten Gang und es war eine gerade Strecke,
so dass ich für den ersten Moment keine Probleme hatte. Aber dann kamen Berge und ich musste
runter schalten. Jetzt galt es, den richtigen Moment abzupassen, um ohne Kupplung schalten zu
können. Wenn ich den verpasste musste ich langsamer werden und hoffen, dass ich den Schaltpunkt
in den zweiten Gang erwischte. Wenn das auch nicht klappte, gab es nur noch einen letzten Versuch.
Ich hatte Glück und schaffte es fast immer. Nur einmal ging es daneben. Ich stand an einem Berg
und musste den Truck rückwärts auf der Autobahn runter rollen lassen. Es war mitten in der Nacht
und Gottseidank nicht viel Verkehr. Unten angekommen, legte ich den ersten Gang ein und startete
den Motor. Der Truck hoppelte los und ich fuhr ganz langsam den Berg rauf.
Als wir in Wien eintrafen, fuhren wir den ersten Taxistand an und Daula erklärte dem Taxifahrer
unser Problem. Er fuhr vor uns her und wenn er rote Ampeln sah wurde er ganz langsam, so dass
ich fast nie halten musste. Endlich kamen wir am Veranstaltungsort an. Ich war schweißgebadet und
kann heute sagen, dass das die schlimmste Autofahrt meines Lebens war.
Die Roadies bauten auf und meine Mitmusiker trudelten ein. Zuerst spielten zwei örtliche Bands,
deren Ton von Daula gemischt wurde. Dann kam Mike Krüger dran. Er hatte gerade mit „Mein Gott
Walter“ in Deutschland einen Hit und spielte nur mit Akustikgitarre. Offensichtlich war er in
Österreich noch nicht so angesagt, denn es tummelten sich nur ein paar Leute vor der Bühne. Meine
Bandkollegen gingen zum Essen und Daula fragte mich, ob ich mich nicht ans Mischpult setzen
könne, er würde gerne mitgehen. Ich saß nun zum ersten Mal an einem Mischpult und mich ritt der
Teufel. Ich wusste, Mike bekommt auf der Bühne nur den Monitorsound mit, der unabhängig vom
PA-Sound ist. Deshalb begann ich, etwas an den Reglern herumzuspielen. Ich legte ein Echo auf die
Gitarre, ließ den Gesang von links nach rechts sausen und machte noch allerlei weiteres dummes
Zeug. Es waren ja nur ein paar Leute da, die das recht amüsant zu finden schienen. Doch dann fiel
es Mike Krüger auf, und er wurde richtig böse. Er schrie:“ Wenn Du damit nicht sofort aufhörst,
komm ich runter und reiß Dir den Arsch auf.“ Ich sagte über das Talkback „Entschuldigung Mike,
kommt nicht wieder vor“ und er nahm es mit Humor und machte sich bei seinem Entertainment
über mich lustig.
Und dann kam das, wovon ich geträumt hatte. Wir durften ein zweites Mal im WDR Rockpalast
eine TV Show spielen. Am 3. September stand ich nun in dem Studio, in dem ich den ersten Auftritt
von Epitaph noch vor nicht allzu langer Zeit in meiner Wohnung am Lindener Berg gesehen hatte.
Wenn ich das damals geahnt hätte! Ich war total aufgeregt, weil es mein erster TV-Auftritt war, aber
es hat alles super geklappt. Wenn ich mir heute die Aufnahmen ansehe, merke ich natürlich, dass ich
teilweise doch recht zitterige Hände hatte.
In unserer direkten Nachbarschaft zwischen unserer Schule und dem Bella Donna-Haus lag das
Gasthaus Künnecke. Dort saßen wir abends, haben Bier getrunken und leckere Schnitzel mit
Pommes gegessen. In der Gaststätte gab es einen TV-Anschluss mit mehreren Sendern, unter
anderem auch WDR 3. Am 25. November versammelten wir uns zusammen mit Bella Donna, bei
denen mein Bruder spielte, und warteten auf die Ausstrahlung unseres Rockpalast-Auftritts. Ich war
noch nervöser als beim Auftritt selbst, da wir nach dem Gig keine Aufzeichnung gesehen hatten.
War der Sound in Ordnung, kamen wir richtig rüber und wie wirkten wir im Fernsehen? Und dann
ging es los. Ich war euphorisch, denn alles war top. Als unser Auftritt zu Ende war, nahm mein
Bruder mich in den Arm und sagte, wie stolz er auf mich wäre. Wir haben bis zum Moorgengrauen
gefeiert.
Epitaph hatte einen Edelfan, der uns ein bis zwei Mal im Jahr besuchte. Er hatte eine Drogeriekette
und kam Silvester gegen 21 Uhr bei uns an. Das schöne bei Epitaph war, dass man an Silvester
grundsätzlich frei hatte. Als wir noch in amerikanischen Clubs gespielt hatten, konnte keiner feiern,