Page 61 - Michaels_Buch Februar_neu
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seiner Abreise beiseite und gab mir ein kleines Geschenk mit den Worten: „Das war der beste
            Unterricht, den ich je hatte“. Ich glaube ich bin fast rot geworden vor Stolz.

            Danach kamen Koreaner. Auch die konnten kein Deutsch, aber auch hier ging es problemlos auf
            Englisch. Ein Problem gab es trotzdem. Von den vier Schülern waren drei richtig clevere Burschen,
            der vierte aber sehr schwer von Begriff. Da ich den Ehrgeiz hatte, dass alle den gleichen
            Wissensstand hatten, musste ich mich mit dem Begriffsstutzigen natürlich erheblich mehr
            beschäftigen, als mit den anderen. Ständig machte er Fehler und musste die Aufgabe wiederholen.


            Nach einer Woche wurde ich vor dem Unterricht nach unten in die Entwicklungsabteilung gerufen.
            Dort waren Herr Riemer, Lothar Schmidt, Herr van der Meer und Herr Grimme versammelt. Sie
            eröffneten mir, dass es mit meinen Koreanern ein großes Problem gebe. Der Begriffsstutzige war
            nämlich der Chef der vier und hatte sein Gesicht vor den anderen verloren. Wenn es so weiter ginge
            würde er entweder abreisen oder Harakiri begehen. Ich war entsetzt und erklärte mein bisheriges
            Vorgehen. Wir beratschlagten und kamen zu dem Schluss, dass ich in Zukunft über die Fehler des
            Begriffsstutzigen hinwegsehen sollte. Das tat ich auch, aber an den Gesichtern der anderen dreien
            konnte ich sehen, dass sie sehr wohl sahen, was schieflief.

            Etwa um diese Zeit bekam Markus´ Frau Gitti eine Tochter. Ich wollte sie im Krankenhaus
            besuchen und fragte Markus nach dem besten Zeitpunkt. Er schaute mich besorgt an und warnte
            mich vor. Bei seiner Tochter wäre der gesamten Stirnbereich mit schwarzen Haaren bedeckt und sie
            sähe aus wie ein Affe. Gitti schien das aber nicht zu sehen und spräche vom schönsten Mädchen der
            Welt. Es war gut, dass ich vorbereitet war, denn so konnte ich mein Entsetzen verbergen. Das
            Mädchen sah tatsächlich wie ein Affenbaby aus. Gottseidank hat sich das schnell geändert und es
            wurde ein hübsches Kind.


            Vom achten Stock unseres Hochhauses hatte man einen wunderbaren Blick auf den Parkplatz, die
            gegenüber verlaufende Autobahn und den dahinter liegenden Truppenübungsplatz. Albert, Simon,
            Uwe und ich standen oft am Fenster und schauten dem Treiben unter uns zu. Wir machten uns einen
            Spaß darauf, Wetten abzuschließen. Besonders Ben kam uns da entgegen. Er hatte sich einen SUV
            gekauft, den er über alles liebte. Wenn er ihn geparkt hatte und in Richtung Gebäude ging, blieb er
            immer wieder stehen, drehte sich rum und betrachtete liebevoll sein Auto. Wir wetteten nun, wie oft
            er stehen bleiben würde.


            Interessant wurde es, wenn Soldaten auf dem Übungsplatz erschienen. Sie wurden von ihren
            Vorgesetzten über Hindernisse gescheucht und mussten durch alle möglichen Geräte robben. Und
            dann wurde die Autobahn erneuert. Wir kannten jeden Bauabschnitt und waren richtig enttäuscht,
            als nach Wochen alles fertig war.

            Dann passierte etwas Schreckliches. Lothar Schmidt war im Zuge des Know How Transfers ständig
            in der ganzen Welt unterwegs. Bei einer der Reisen stürzte der Jet ab und es gab keine
            Überlebenden. Das war eine Tragödie, denn er hatte eine Frau und drei Kinder. Da er überall sehr
            beliebt war, gab es eine große Trauerfeier. Die Beerdigung fand in Godshorn statt und es waren so
            viele Trauergäste dabei, dass sie nicht alle in die Kapelle passten. Deshalb waren Lautsprecher
            aufgebaut, die den Gottesdienst nach draußen übertrugen. Ich stand vor der Kapelle und hörte nicht
            nur den Pfarrer, sondern die durchgehend weinenden Kinder. Das ging mir so ans Herz, dass ich
            vorzeitig die Beerdigung verlassen musste.


            Herr Schmidts Nachfolger hieß Stefan Shibata. Wir waren ganz erstaunt, dass ein Japaner den
            Vornamen Stefan trug und warteten gespannt auf seine Vorstellung. Und dann kam ein Mann, der so
            überhaupt nichts Japanisches an sich hatte. Später haben wir erfahren, dass er eine Japanerin
            geheiratet und ihren Namen angenommen hatte.
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