Page 65 - Michaels_Buch Februar_neu
P. 65

zwei Monate verbrachte ich mit drehen und schneiden. Jeden Mittag nach dem Essen machte Herr
            Grimme mit seinen Mitarbeitern einen Spaziergang durchs PolyGram Gelände. Ich baute eine
            Woche lang heimlich eine Kamera an den Stellen auf, an der sie vorbeikamen und filmte.

            Herr Grimme hielt jede Woche eine Sitzung ab, in der die Planung besprochen wurde. In einem
            Bücherregal versteckte ich eine Kamera und unter Mithilfe der anwesenden Mitarbeiter filmte ich
            ein Meeting. Herr Grimme bekam davon nichts mit.

            Ich habe viele seiner Weggefährten interviewt und mir auch einige Gags einfallen gelassen. Als der
            Tag der Verabschiedung kam, war die gesamte sechste Etage festlich geschmückt. Überall standen
            Kellner mit Wein und Sekt und es war ein köstliches Buffet aufgebaut. Mehrere Tonmeister führten
            ein Stück mit zwei Flügeln auf und ich filmte zusammen mit Hera das komplette Event. Das
            Aufregendste für mich war die Vorführung meines Films. Ich zitterte vor Erregung, weil ich nicht
            wusste, wie meine Gags ankommen würden. Es waren an jeder Ecke Monitore aufgebaut und die
            Besucher schauten erwartungsvoll, was jetzt wohl passieren würde. Ich kannte den Film natürlich in
            und auswendig und wartete mit Spannung auf den ersten Gag. Die Leute kugelten sich vor Lachen
            und ich wusste, dass ich gewonnen hatte. Es war dann ein erhebendes Gefühl, die Reaktionen durch
            meinen Sucher sehen zu können.


            Danach hatte ich einen weiteren Monat damit zu tun, aus dem Material auf der Party einen zweiten
            Teil meines Filmes zu schneiden.

            Jedes Jahr zu Weihnachten stand eine große Weihnachtsfeier an. Lange Reihen von Tischen waren
            aufgebaut und es gab Kaffee und Kuchen. Danach hat Horst Werner, einer der Techniker seinen
            Urlaubsfilm, den er auf einer Schmalfilmkamera aufgenommen hatte, vorgeführt. 20 Jahre vorher
            war das noch ein besonderes Ereignis, im Jahr 1989 aber völlig überholt und es hat uns nur
            gelangweilt. Aber das war nun mal Tradition und da musste man durch. Danach wurde es aber
            lustig, denn jetzt gab es Sekt und Wein. Es wurde richtig gefeiert und kaum einer ging nüchtern
            nach Hause.


            Aber es kam noch besser, denn die Deutsche Grammophon, die zur PolyGram-Gruppe gehörte,
            veranstaltete in Hamburg an ihrem Hauptsitz eine noch größere Weihnachtsfeier. Mittags wurde die
            komplette Recording Abteilung in zwei Busse verfrachtet und von Langenhagen nach Hamburg
            gekarrt. Dort waren vier Etagen festlich geschmückt. Auf jeder Etage gab es Buffets und der Wein
            floss in Strömen. Jeder Mitarbeiter bekam ein Geschenk und wir flanierten von Etage zu Etage.
            Gegen 22 Uhr bestiegen wir beladen mit Weinflaschen unsere Busse, und hatten eine richtig geile
            Rückfahrt. Das Ganze war immer am Freitag, so dass man das Wochenende zum Ausnüchtern hatte.

            1990 Hurra, USA

            Im Sommer bekam ich den Auftrag, ein Rockfestival mit unserem Recording Equipment
            mitzuschneiden. Das Festival ging über drei Tage und fand in Edemissen in einem großen Zelt statt.
            Mein Equipment und ich selbst waren in einem Wohnwagen untergebracht und mit einem Multicore
            mit der Bühne verbunden. Das ist ein dickes Kabel in dem mehrere Mikrofonkabel gebündelt sind.
            Auf einem Monitor konnte ich die Bands sehen. Den PA-Sound mischte eine Frau ab, die auch den
            Monitorsound machte. Sie hieß Anita und kam aus Hannover. Wir haben uns gleich gut verstanden
            und arbeiteten Hand in Hand. Ich nahm in zwei Tagen 12 Bands auf. Am dritten Tag spielte dann
            die Münchner Freiheit als Topact, da war ich allerdings schon weg.

            Zwei Wochen später kam Herr Riemer mal wieder zu mir. Er sagte, dass Kollege Knorr gekündigt
            hätte und er einen Ersatz bräuchte. Ich musste sofort an Anita denken, denn sie hatte durch etliche
            Festivals reichlich Erfahrung und passte auch sonst gut in unsere Truppe. Sie stellte sich vor und
            bekam den Job.
   60   61   62   63   64   65   66   67   68   69   70